Full text : Zeitschrift für die gesammte Staatswissenschaft. Neunter Band. Jahrgang 1853. (9)

vor  Aristoteles  und  Platon,  165

kein  Anderer  hat  Neuerungen),  wie  die  Weiber-  und  Kindergemeinschaft
  oder  die  Syssitien  der  Weiber  vorgeschlagen.“  Wenn
nun  das  uns  freilich  nicht  erklärt,  was  in  den  Werken  des  Hippodamos
  und  Phaleas  gestanden,  so  sehen  wir  doch  daraus,  was
nicht  darin  gestanden,  und  die  Angabe  des  Aristoteles,  „dass
alle  (welche  über  Staatsangelegenheiten  geschrieben)  sich  näher
an  die  bestehenden  Verfassungen  halten  als  die  Republik  und
die  Geselze  des  Platon“  ?)  bezieht  sich  offenbar  auf  diese  beiden
dem  platonischen  Ideale  eigenthümlichen  Punkte,  die  dann  Aristoteles
  selbst  mit  billerer,  zum  Theil  ungerechter  Kritik  überhäuft.
Jene  Bemerkung  nun  macht  es  uns  zugleich  möglich  eine  andere
Notiz  bei  Aristolcles  auf  ihr  richtiges  Maass  zurückzuführen.  Er
sagt  nämlich  ganz  beiläufig  im  siebenten  Buch:  „Wie  die  meisten
Menschen  nach  ausgebreiteter  Herrschaft  ringen  —  so  scheint
auch  Thibron  ein  Bewunderer  des  Gesetzgebers  der  Lakönen,
und  mit  ihm  jeder  von  denen,  welche  über  ihre  Verfassung
etwas  geschrieben  haben  ,„,  weil  sie  durch  ihr  Geübtsein  im  Bestehen
  von  Gefahren  über  viele  herrschten“  ?).  Von  Thibron
oder  Thymbron  erfahren  wir  wieder  nichts;  es  ist  möglich,  dass
jene  Bewunderung  der  Inhalt  einer  historischen,  einer  philosophischen,
  oder  auch  einer  ethnographischen  Arbeit  gewesen
ist,  deren,  wie  wir  sehen  werden,  die  Zeil  vor  Aristoteles  und
Platon  keineswegs  entbehrte.

Ungewiss  ist  ferner  was  Aristoteles  an  einer  anderen  Stelle  ?)
meint,  wenn  er  sagt:-  „dasselbe  hat  schon  ein  Früherer  ausgesprochen
  (zig  arregi;raro  zwv  rr00TE00v);  doch  war  sein  Gesichtspunkt
  dabei  nicht  der  unsere.  Er  urtheilte  nämlich:  von  allen
Verfassungen,  wenn  sie  gut  seien  (o1cwv  ErtieixwWv)  wie  von  gülen
Öligarchieen  u.  8.  w.,  sei  die  Demokratie  die  schlechteste;  wenn

 

 

1)  Arist.  Pol.  II,  4.1.  „Neuerungen“  steht  auch  nicht  wörtlich  im  Text,
ist  aber  von  Stahr  höchst  geistreich  und  wahr  mit  aufgenommen,.wie  denn
überhaupt  seine  Uebersetzung  vortreffllich  ist,

2)  Pol.  II,  4.  1.

3)  Die  Lesarten  variiren:  fowr  —  lußoewr  —  Tiußewr  —  Bußewr.
(Ygl.  Gaisford  ad  Heph.  p.  219  und  Wessel.  ad  Diod.  Sic.  XIV.  cp.  36.)
—  Arist.  Pol.  VII,  13.  11.

4)  Pol.  IV,  2.  3.