Cannageschema nach Schlieffenscher Uberdeutung, angewendet.
Alle Vorbedingungen sind bei den Einzelschlägen grundverschieden:
das Stärkeverhältnis des zu vernichtenden Feindes
und der eigenen Truppenmacht, das Gelände, bald
im eigenen Land, bald auf feindlichem Boden, und dieser
wieder grundverschieden nach Bedeutung und Jahrezzeit;
bald ist der Feind in Vorwärtsbewegung, bald steht er im
freien Felde oder in verstärkter Stellung, bald mit nahem,
bald mit fernerem Rückhalt an seine Festungen.
In den Ostpreußenfeldzügen verfügt der Feldherr allein
über seine Gesamtbräfte, im Polenfeldzug heischt das Zusammenarbeiten
mit dem Heere der Verbündeten besondere
Rücksichten auf deren Kriegsziele. Schließlich zeigt auch
ein solcher Rückblick die Grenzen, welche die Menschenzahl
des Gegners dem Feldherrngenius bei dem heutigen Stand
der Kampfmittel zuweist.
In der Tannenbergschlacht vernichtet der Feldherr mit
135 Ooo Mann in besonders für den Angreifer günstigem
Gelände ein feindliches Heer von 220 O00 Mann, das in
sein Verderben buchstäblich hineinrennt und dabei eingekreist
wird. In dem anschließenden Feldzug gegen die Niemen-Armee
gelingt es nur, bei etwa gleicher Stärke den Gegner
Rennenkampf, der in günstiger Stellung zwischen Meer
und Masurenseen die Deutschen erwartet, durch einseitige
Umfassung zurückzuwerfen, allerdings unter Riesenverlusten
für die Russen. Zweifellos hätten wenige Korps mehr auf
deutscher Seite genügt, die feindliche Niemen-Armee durch
doppelte Umfassung restlos einzukreisen oder durch entsprechende
Verstärkung des deutschen Umfassungsflügels von
der russischen Grenze wegzudrängen und schließlich gegen
den Memelstrom und das Haff zu drücken oder im freien
Felde zu vernichten.
Im ersten Polenfeldzug im Oktober 1914 gelingt es
bei der ungeheuren Weite des Raums den einzelnen Teilkräften
des Gegners, sich dem Vernichtungsschlage rechtzeitig
zu entziehen und auf die Weichselfestungen und auf
ihre eben zur Dampfwalze ansetzende Hauptmacht zurückzugehen.
Bei dem Entscheidungskampfe in Polen im November
und Dezember 1914 muß der Feldherr mit seinen insgesamt
höchstens 425 do0 deutschen Streitern, die durch k. und k.
Truppenverbände etwa auf eine Million Gesamtstärke ergänzt
werden, gegenüber der mehr als dreifachen Ubermacht
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der ihm direkt gegenüberstehenden russischen Hauptmacht
zunächst wie David nur trachten, den Riesen Goliath zu
Fall zu bringen. Wohl kann er dessen rechte Seite zermalmen
und damit sein weiteres Vorwärtsschreiten völlig
lähmen, zur erdrückenden Umklammerung reicht aber die
tatsächlich verfügbare Menschenzahl bei der Breite der
Kampffront (Thorn— Krakau mehr als 300 Kilometer)
nicht aus.
Auch im Winterfeldzug in Ostpreußen zwingen die Ausdehnung
der Front zwischen der Weichsel und dem Memelstrom
— die Entfernung Plock—Ragnit beträgt 320 Kilometer
— die Nähe der russischen Aufnahmestellungen und
das Zahlenmißverhältnis zur Teilung der Aufgabe. In dem
doppelten Umfassungsangriff in Masuren vernichtet der
Feldherr mit etwa gleichen Kräften restlos das russische
Heer von 225 000 Mann, das in und hinter seiner eigenen,
zu lange starr festgehaltenen Abwehrstellung völlig eingekreist
wird.
Der gleiche Versuch an der ostpreußischen Südfront,
mit bedeutend geringeren Kräften angestrebt, muß gegenüber
den 400 o00 Russen, die die feindliche Heereoleitung
dank ihrem Bahn= und Fesiungerückhalt rechtzeitig heranbringt,
aufgegeben werden. Aber selbst im Abwehrkampfe
gelingt es dem General Gallwitz, dem willensstarken Unterfeldherrn
Hindenburgs, seine Aufgabe, den Schutz Ostpreußens,
durch unermüdliches Ansichreißen der Offensive gegen
eine schließlich geradezu überwältigende Ubermacht des Angreifers
zu erfüllen und damit Vorbilder zu schaffen, an
denen der Fachmann des kommenden Jahrhunderts für
diese Art der Kriegführung lernen wird.
Schon diese ersten acht Monate Hindenburgscher Feldherrnbetätigung
zeigen zur Genüge, daß kein Schema, Leitmotiv,
Lieblingsgedanke oder wie man es sonst bezeichnen
will, sondern lediglich der Wille, den Feind zu vernichten,
den Feldherrn leitet. Für das Wo und Wie sorgt der unerschöpfliche
Geist mit seiner Lebens= und Facherfahrung
von 80 Dienstjahren, sein treuer Gehilfe und Mitarbeiter,
der ihm geistesgleiche Generalstabschef, seine nie versagenden
Unterfeldherrn und das ihm von seinem Kaiser anvertraute
unvergleichliche Heer, äußerlich ein buntes Gemisch
aller möglichen Augenblicksschöpfungen und Altersklassen,
aber von einem Geist und Willen in Not und Tod beherrscht,
von dem Geiste Hindenburgs.
Die endgültige Zertrümmerung des russischen Feldheeres
(Skizze 48)
In den ersten acht Kriegsmonaten war das gewaltige
russische Feldheer, das sich bei Kriegsbeginn aus mehr als
6½ Millionen gedienter Soldaten zusammengesetzt hatte,
durch Hindenburgo Vernichtungsschläge und durch die unsinnige
Menschenvergeudung der Russen bei ihrem vergeblichen
Ansturm gegen die deutschen und österreichischungarischen
Abwehrstellungen stark zusammengeschmolzen.
Hans Niemann errechnet in seinem lesenswerten Buche „Die
Befreiung Galiziens“ eher zu niedrig als zu hoch für
das Russenheer bis Mitte April 1915 einen Abgang
von 4,25 Millionen Menschen, nämlich an Gefangenen
1 000 doo, an Toten 750 oo, an dauernd Untauglichen
1 000 00, an fortlaufendem Abgang (Verwundeten und
Kranken) 750 000, und schließlich sonstige Abgänge für
Ausbildung des Ersatzes, Gefangenen= und Hilfodienst
750 000 Menschen.
Mitte April 1915 war das russische Feldheer an Nußlands
Westgrenze noch etwa 3000 0o Mann stark, davon
aber bereits 1 Ooo doo ungedbienter Nachersatz. Besonders
fühlbar war jetzt schon der Offiziersmangel. Von den 7400
anfänglich vorhandenen Geschützen waren rund 1700, von
den s000 Maschinengewehren rund 1500 in Feindeshand
gefallen. Hunderttausende von Gewehren und zahlreicheo
Material waren verlorengegangen. Der Munitionsvorrat
war bedenklich erschöpft, die von Amerika und Japan bezogene
Munition deckte höchstens den laufenden Verbrauch.
Die Neuherstellung von Waffen und Material stieß in dem
wenig organisierten Land auf unüberwindliche Schwierigkeiten.
So wurde eine Vermehrung des russischen Feldheeres
über den Rahmen von 3 Millionen Menschen fortab unmöglich.
„Dagegen hatte allein Deutschland seit Kriegsbeginn, ungerechnet
den laufenden Ersatz der Verluste, ein neues gewaltiges
Heer von etwa 2 Millionen aus Freiwilligen, Ersatzreservisisen
und Landstürmern auogebildet und trefflich
ausgerüstet. Ungefähr die Hälfte dieses Neuheeres konnte
im Laufe der nächsten Monate gegen Rußland eingesetzt
werden. Rußlands Stärke, seine zahlenmästige Uberlegenheit,
begann mehr und mehr zu schwinden.“ (H. Niemann,
a. o. O. Seite 25.)