Full text: Staatsbürgerliche Belehrungen in der Kriegszeit. Band 2. (2)

36 Dr. Otto Hoetzsch 
werden sollte. Graf Andrassy hat damals geglaubt, einen Triumph über 
den großen deutschen Staatsmann davongetragen zu haben, weil es ihm 
gelang, diese Ausdehnung des Bündnisses auszuschalten. Es wurde zu- 
nächst nur für die Möglichkeit abgeschlossen, daß ein Krieg zwischen Rußland 
und Österreich-Ungarn ausbräche, und deshalb, was man meist ganz über- 
sieht, war Bismarck genötigt, die Sicherung andererseits zu suchen, die 
er in dem Rückversicherungsvertrag mit Rußland fand. Aber die Geschichte 
ist von selbst über die Bestimmungen des Vertrages hinweggegangen. 
Bismarck hat ihn ausdrücklich nicht für Streitigkeiten in der orientalischen 
Frage, für Interessen Österreich-Ungarns dort schließen wollen. Wer 
aber hat in Deutschland danach gefragt, als im Verfolg der Ein- 
verleibung von Bosnien und Herzegowina ein Krieg zwischen Österreich- 
Ungarn und Rußland auszubrechen drohte und Deutschland unbedingt 
an die Seite des Bundesgenossen darin trat? Die Politik des Fürsten 
Bülow handelte damals bewußt und ausdrücklich gegen die Auffassung 
Bismarcks vom Bunde mit Österreich, aber sie wurde einhellig von der 
öffentlichen Meinung getragen und sein Wort von der Nibelungentreue 
als richtig empfunden, obwohl es ganz und gar nicht ein Ausdruck für das 
völkerrechtliche Bündnis war. Deutschland trat aber damals so unbedingt 
für Österreich-Ungarn ein, weil seine eigenen Orientinteressen im Gegensatz 
zur Bismarckschen Zeit gewachsen waren, es also selber in diesen 
Kämpfen Partei war, und weil sodann — es war im Jahre 1908/09 — 
schon ganz klar war, daß Deutschland auf der weiten Welt nur einen 
einzigen zuverlässigen Freund haben würde, nämlich Österreich-Ungarn. 
Und wer hat umgekehrt in Österreich-Ungarn danach gefragt, ob, als der 
Weltkrieg 1914 ausbrach, auch Österreich-Ungarn in den Krieg mit Frankreich 
einträte? Da ging auch Österreich-Ungarn über den Wortlaut der Vertrags- 
bestimmungen hinaus. Man hat es überhaupt nicht näher untersucht, es 
war selbstverständlich, weil in den 30 Jahren seines Bestehens das Bündnis 
zu einem Stück des Lebens der beiden Völker und Staaten geworden war. 
Und die Kriegführung floß dann fast ineinander; in Galizien und Polen, 
wie in Serbien kämpften deutsche und österreichisch-ungarische Soldaten 
nebeneinander. Es hat auch gar keinen Zweck, wäre im Gegenteil nur 
schädlich, abzuwägen, was der eine oder andere der Bundesgenossen im 
Kriege geleistet hat. Die Hauptsache ist, sich mit der Tatsache zu durchtränken, 
daß das Bündnis von 1879 als ein Bund auf Leben und Tod schlechthin 
und in jeder Beziehung aufgefaßt, verteidigt und behauptet wurde und 
deshalb als solcher weiter bestehen soll. 
c) Italien im Dreibund. 
Wir haben absichtlich hier gar nicht vom Dreibunde gesprochen, obwohl 
Italien 1885 dem Bündnis von 1870 hinzugetreten ist. Heute müssen wir 
sagen, daß diese Verbindung von vornherein nicht natürlich war, wenigstens 
nicht, wenn Italien eine eigene Balkanpolitik machen wollte, wenn es 
selber dort Ansprüche erhob, etwa in Albanien oder sonstwo auf dem West- 
balkan. Denn da zeigte einfach die Karte, daß Italien und Österreich-Ungarn