Bedenkliche Schwankungen der äußern Politik Napoleons IHI. 281
seine eigenen Unterredungen mit dem Freiherrn von Beust tragen den Stempel der freund-
schaftlichen, aber reservierten Haltung, welche ihm zur Hflicht gemacht war; und die Ew.
pp. damals mitgeteilten Schriftstückke enthalten in der Tat alles, was zur Charakterisierung
jener Mission dienen konnte.
Wie sehr die letztere aber auch damals in Paris mißverstanden sein mag, so würde es
doch schwer sein, aus diesem WMißverständnis allein die französischen Rüftungen zu erklären;
wie Ew. pp. in dem angejogenen Berichte zu tun geneigt scheinen. Ew. pp. bitte ich sich zu
erinnern, daß diese Rüstungen lange vorher begonnen und in großem Maßstabe energisch
fortgeführt wurden, monatelang ehe der Gedanke an die Mission der Grafen Lauffkirchen
dem Sürsten Hohenlohe gekommen, ja daß dieser Versuch einer Annäherung an Osterreich
in defensivem Sinne wesentlich mit durch die Besorgnisse veranlaßt war, welche die franfö-
sischen Rüstungen überall erweckten, Rüstungen, durch die auch die Luxemburger Grage erst
den drohenden Charakter erhielt, den sie eine Seitlang annahm. Und welches auch die
Darstellungen gewesen, welche dem französischen Gouvernement von den preußischen Ab-
sichten bei jener Mission zukamen, ja, gerade wenn diese Darstellungen einen so extremen
und, ich möchte sagen, abenteuerlichen Charakter trugen, wie die Bildung einer Koalition
gegen Frankreich, so wäre es doch sehr unnatürlich, daß eine friedliebende Macht durch
solche unverbürgte Insinuationen von unglaubwürdiger Seite her die Richtung ihrer Do-
litik bestimmen und sich zu so umfassenden Rüstungen bewegen lassen gollte, ohne auch nur
eine Erkundigung anzustellen. Die Außerung des Baron Budberg gegen Ew. pp., daß
wir in Petersburg den Versuch einer Koalition gegen den Kaiser Napoleon gemacht hätten,
stimmt freilich zu der seit langem bekannten Ungunst dieses Diplomaten gegen Preußen; in
Petersburg selbst aber kennt, versteht und teilt man zu sehr die rein defensive Aichtung
unserer olitik, als daß man uns den Gedanken einer Koalition unterschieben fgollte.
Immerhin ist es nur erfreulich, daß Ew. pp. jetzt Gelegenbeit gefunden haben, dem
Kaiserlichen Minister Aufklärungen zu geben, welche dazu dienen können, jeden Nest eines
Mißpverständnisses über unsere damaligen Absichten zu beseitigen und die friedlichen Ge-
sinnungen des Kaiserlichen Gouvernements zu verstärken.
Daß diese friedlichen Gesinnungen bei dem Kaiser Napoleon vorhanden sind, davon bin
ich ebenso überzeugt wie Ew. pp. selbst. Die Frage ist für uns nur, ob dieselben stark
genug sind, dem Bedürfnis der Ableitung von inneren Sragen und der Überwindung innerer
Krisen mit Erfolg entgegenmuwirken. Dies Bedürfnis kann bei dem jetzigen Zustande
Grankreichs und der Stellung der Kaiserlichen Regierung bald genug eintreten. Ew. pp.
selost erwähnen, wie die Griedenspolitik des Kaisers gleich nach der glückklichen Durch-
bringung des Armeegesetzes sofort von neuem wieder durch eine bei Gelegenheit des Preß-
gesetzes drohende innere Krises gefährdet gewesen. Solche Krisen können in jeder Woche
und bei jedem neuen Gesetz von Wichtigkeit wieder eintreten; und diese ängstliche Rücksicht
auf die inneren Schwankungen und auf eine durch die letzte Session mächtiger gewordene
Kammermajorität unterwirft offenbar auch die äußere Politik des Kaisers bedenklichen
Schwankungen, welche es uns schwer machen, ein volles und zuversichtliches Vertrauen in
dieselbe zu fallen.
: Der Satz enthält eine Reihe Kleinerer Korrekturen Bismarcks.
2 Vgl. dazu Schultbeß’ Europälscher Seschichtskalender, Jo. 1868, S. 300 fl.