Full text : Die Weltgeschichte. Zweiter Theil. Das Mittelalter. (2)

38  Das  Christenthum  unter  den  Germanen  und  Slaven.

geben,  sie  ließen  sich  zu  Edelknechten  machen  und  verwalteten  die  Gerichtsbarkeit
  in  den  Streitigkeiten,  welche  unter  den  Klosterleuten  über  Marken,
Weiderechte,  Wasserleitungen,  Holzfällen  u.  s.  w.  entstanden.  Wo  solche
vornehme  Meier  waren,  wurden  Keller  (cellarius.)  angestellt,  um  den
Einzug  der  Gefälle  zu  besorgen.

Wie  die  Pfarrkirchen  entstanden.

Am  Sonntage  hören  wir  von  allen  Seiten  her  Glockengeläute,  und
wenn  wir  auf  einer  Höhe  stehen,  erkennen  wir  an  den  Kirchthürmen  die
Lage  der  Dörfer,  welche  durch  Hügel  oder  Bäume  verdeckt  sind;  aber
im  siebenten,  achten  und  neunten  Jahrhundert  war  es  anders,  da  gab
es  nur  wenige  Dorfkirchen;  denn  von  den  Dörfern  und  Gemeinden,  die
wir  heutzutage  sehen,  waren  kaum  die  ersten  Spuren  vorhanden.  Man
sah  nur  kleine  Weiler,  welche  einem  Gutsherrn  gehörten,  einzelne  Häuser
und  Höfe,  gewöhnlich  Lehen,  immer  seltener  ganz  freies  Eigenthum;  den
größten  Theil  des  Bodens  bedeckte  Waldung.  Hie  und  da  ging  es  nun
einem  Gutsherrn  zu  Gemüthe,  daß  so  viele  seiner  Leute  ohne  Kenntniß
des  christlichen  Glaubens  und  ohne  Genuß  der  Heilsmittel  aufwachsen,
heranleben  und  endlich  dahinfahren  sollten;  das  Verderben  vieler  Seelen
mußte  er  sich  selbst  zuschreiben.  Darum  bauten  immer  mehr  solche  Gutsherren
  weltlichen  Standes  (die  Stifte  thatern  es  ohnehin)  auf  ihren
Höfen  Kirchen,  kleine  Häuser  in  Form  eines  Schuppen,  hölzern,  mit
Stroh  oder  Schindeln  bedeckt,  lange  Zeit  ohne  Glasfenster.  Ein  Sohn
des  Gutsbesitzers  oder  ein  Verwandter,  oder  auch  ein  Leibeigener,  der
aber  alsdann  frei  wurde,  erlernte  in  irgend  einem  Stifte  das  Nothwendigste
  von  der  Theologie,  wurde  geweiht  und  diente  nun  der  neuen
Kirche  als  Priester.  Er  wohnte  auf  dem  Hofe  und  bezog  von  demselben
seinen  Unterhalt;  dieser  wurde  ihm  entweder  in  Naturalien  verabreicht
oder  es  wurden  ihm  liegende  Güter  angewiesen.  Letztere  blieben  aber
so  gut  als  die  Kirche  ein  Eigenthum  des  Gutsherrn  (Patronus),  daber
heißt  es  auch  in  alten  Urkunden:  „ich  übergebe  den  Hof  mit  der  Kirche
—  oder  die  Kirche  mit  dem  Hofe  —  oder  den  Weiler,  darin  die  Kirche
ist"  u.  s.  w.  Die  Kirchenstifter  waren  auch  die  Kirchenherren  und  verkauften,
  verpfändeten  oder  vergabten  die  Kirche  mit  dem  Kirchengut,
oft  so,  daß  eine  Kirche  mehrere  Kirchenherren  erhielt,  eine  Uebung,  die
freilich  gegen  das  kanonische  Recht  verstieß,  aber  vorerst  geduldet  werden
mußte.  Auch  das  Kirchengut  war  gleich  dem  der  Klöster  nicht  immer
sicher;  vielmal  nahmen  die  Kirchenherren  das  Einkommen  der  Kirche
lieber  für  sich,  als  daß  sie  die  Kirche  im  baulichen  Zustande  erhielten
und  einen  Priester  besoldeten.  Es  kommen  Verbote  von  Bischöfen  und
Synoden  vor,  daß  die  Herren  das  Schindel=  oder  Strohdach  der  Kirche