Volltext : Bismarck. Sein Leben und sein Werk.

Bismarcks  Urteil  über  das  Wesen  des  Anfangs  367

auf  dem  Schafott  starb,  und  daß  dieser  französische  Eroberer
im  Bündnis  mit  dem  damaligen  Papste  stand.  Wir  sind  der
analogen  Lösung  der  Situation  nahe  gewesen,  übersetzt  immer
in  die  Sitten  unserer  Zeit.  Wenn  der  französische  Eroberungskrieg,
  dessen  Ausbruch  mit  der  Publikation  der  vatikanischen
Beschlüsse  zusammenftiel,  erfolgreich  war,  so  weiß  ich  nicht,
was  man  auch  auf  unseren  kirchlichen  Gebieten  in  Deutschland
von  den  gestis  Dei  per  Francos  —  von  den  Gottestaten
durch  Franzosenhand  —  zu  erzählen  haben  würde.  Ahnliche
Pläne  haben  vorgelegen  vor  dem  letzten  Kriege  mit  Osterreich,
ähnliche  Pläne  haben  vorgelegen  vor  Olmütz,  wo  ein  ähnliches
Bündnis  bestand  gegenüber  der  königlichen  Macht,  wie  sie  in
unserem  Lande  besteht,  auf  einer  Basis,  die  von  Rom  nicht
anerkannt  wird.  Es  ist  meines  Erachtens  eine  Fälschung  der
Politik  und  der  Geschichte,  wenn  man  Seine  Heiligkeit  den
Papst  ganz  ausschließlich  als  den  Hohenpriester  einer  Konfession
oder  die  katholische  Kirche  als  Vertreter  des  Kirchentums  überhaupt
  betrachtet.  Das  Papsttum  ist  eine  politische  Macht  jederzeit
  gewesen,  die  mit  der  größten  Entschiedenheit  und  dem
größten  Erfolge  in  die  Verhältnisse  dieser  Welt  eingegriffen
hat,  die  diese  Eingriffe  erstrebt  und  zu  ihrem  Programm  gemacht
  hat.  Die  Programme  sind  bekannt.  Das  Ziel,  welches
der  päpstlichen  Gewalt,  wie  den  Franzosen  die  Rheingrenze,
ununterbrochen  vorschwebte,  das  Programm,  das  zur  Zeit  der
mittelalterlichen  Kaiser  seiner  Verwirklichung  nahe  war,  ist
die  Unterwerfung  der  weltlichen  Gewalt  unter  die  geistliche,
ein  eminent  politischer  Zweck,  ein  Streben,  welches  ebenso  alt
ist  wie  die  Menschheit.  Denn  so  lange  hat  es  auch,  sei  es
kluge  Leute,  sei  es  wirkliche  Priester  gegeben,  die  die  Behauptung
  aufstellten,  daß  ihnen  der  Wille  Gottes  genauer  bekannt
sei,  als  ihren  Mitmenschen,  und  daß  sie  auf  Grund  dieser
Behauptung  das  Recht  hätten,  ihre  Mitmenschen  zu  beherrschen;
und  daß  dieser  Satz  das  Fundament  der  päpstlichen  Ansprüche
auf  Herrschaft  ist,  ist  bekannt.  Ich  brauche  hier  an  alle  die
hundertmal  erwähnten  und  kritisierten  Aktenstücke  nicht  zu  erinnern:
  sie  sind  nicht  nur  publici  juris,  sondern  auch  jedem,