Achtundzwanzigstes Kapitel.
Die Finanzlage des Reiches nach Ablauf der Bismarckschen Ara.
Der neue Leiter des Reichsschatzamtes Posadowsky stand nunmehr
gleichfalls vor der Frage, ob die Ziele der Reform nicht weiter
zu stecken seien, als nur bis zur Beschaffung des erwähnten Mehrbedarfes.
Gründe sprachen genug dafür, weshalb nach der Auflösung
des Reichstages auch sein Vorgänger schon eine Lösung
der schwebenden Finanzfragen in weiterem Rahmen, als er sie im
Vorjahre beabsichtigte, ins Auge gefaßt hatte. In verschiedenen
Einzellandtagen war bereits auf die Regierungen eingewirkt
worden, um die Abwälzung der Kosten der Heeresreform vom
Reiche auf die Gliedstaaten zu verhindern; denn durch den Nachtragsetat
vom 23. Juli 1893 waren die Matrikularbeiträge zur
Deckung der halbjährigen Kosten der Fleeresverstärkung bereits
um 23,2 Millionen Mk. erhöht worden. Die Verminderung der
Reinüberweisungen, die dadurch nach mehreren ergiebigen Jahren
gerade im laufenden Etatjahr soweit gesunken waren, daß sie
von den Matrikularbeiträgen nur allzuweit überholt wurden, tat
ein Weiteres, um die gesetzgebenden Faktoren der Einzelstaaten
auf Beseitigung der unberechenbaren Schwankungen in den finanziellen
Beziehungen zum Reiche dringen zu lassen.
Auch vom Standpunkt des Reiches schien eine Änderung der
finanziellen Organisation je länger desto mehr geboten. Es hatten
zwar die laufenden Einnahmen bisher die Ausgaben des ordentlichen
Etats noch zu decken vermocht, aber das war im laufenden
Jahr doch nur dadurch möglich gewesen, daß den Einzelstaaten
die Überweisungen entzogen wurden. Die eigenartige Konstruktion
der Reichsfinanzwirtschaft, die dank der Matrikularbeiträge formell
ein Defizit ausschließt, war nur dazu angetan, die Sachlage zu
verschleiern. Sie hatte die Finanzgebarung erleichtert, die Finanzen
des Reiches und der Einzelstaaten aber erschüttert. Auch konnte
man sich angesichts des wachsenden Schuldenstandes nicht verhehlen,
daß die Scheidung zwischen ordentlichen und außerordentlichen
Ausgaben, von welchen die letzteren im wesentlichen durch
Anleihemittel gedeckt wurden, keineswegs befriedigend waren.
Seit dem Jahre ı887 waren Jahr für Jahr mehr als ı00 Millionen