Contents : Psychologie der Massen.

94  Zweites  Buch.

sind,  und  daß  es  alle  unsere  Urteile  paralysiert.  Die  Massen
haben  stets,  die  Individuen  sehr  oft  das  Bedürfnis  völlig  fertiger
Anschauungen  betreffs  jedes  Gegenstandes.  Der  Erfolg  dieser
Anschauungen  ist  unabhängig  von  dem  Wahrheits-  oder  dem
Irrtumsbestandteil,  den  sie  enthalten,  er  hängt  einzig  und  allein
von  ihrem  Prestige  ab.

Ich  komme  nun  zu  dem  persönlichen  Prestige.  Es  hat
eine  ganz  andere  Beschaffenheit  als  das  künstliche  oder  erworbene
  Prestige,  mit  dem  wir  es  zu  tun  hatten.  Es  ist
eine  von  allem  Titel,  aller  Autorität  unabhängige  Eigenschaft,
die  nur  wenige  Personen  besitzen,  vermöge  deren  sie  einen
wahrhaft  magnetischen  Zauber  auf  ihre  Umgebung  auszuüben
vermögen,  auch  wenn  dieselbe  aus  sozial  Gleichgestellten  be-  
steht,  die  sich  von  ihnen  in  keiner  Weise  beherrschen  lassen.
Sie  flößen  ihnen  ihre  Gedanken  und  Gefühle  ein,  und  man  gehorcht
  ihnen,  wie  das  wilde  Tier  dem  Bändiger  gehorcht,  den
es  doch  so  leicht  verschlingen  könnte.  Die  großen  Führer
der  Massen,  wie  Buddha,  Jesus,  Mohammed,  Jeanne  d’Arc,
Napoleon,  haben  diese  Art  des  Prestige  in  hohem  Maße  besessen
  und  haben  sich  besonders  durch  dieses  zur  Geltung
gebracht.  Götter,  Heroen  und  Dogmen  setzen  sich  durch,  ohne
Gegenstand  der  Diskussion  zu  sein;  sobald  sie  dies  werden,
büßen  sie  ihre  Macht  ein.

Die  von  mir  angeführten  großen  Persönlichkeiten  besaßen
ihre  Faszinationsgewalt  schon  ehe  sie  berühmt  waren  und
wären  ohne  sie  nicht  berühmt  geworden.  Es  ist  z.  B.  klar,  daß
Napoleon  auf  dem  Gipfel  seiner  Macht  schon  durch  seine  bloße
Macht  ein  ungeheures  Prestige  besaß,  aber  es  eignete  ihm
schon  zum  Teile  in  der  Zeit,  da  er  noch  keinerlei  Gewalt  hatte
und  völlig  unbekannt  war.  Als  er,  ein  unbekannter  General,
durch  Protektion  zum  Befehlshaber  der  italienischen  Armee
ernannt  worden  war,  geriet  er  in  die  Mitte  ihm  unfreundlicher
Generäle,  die  sich  anschickten,  dem  ihnen  vom  Direktorium  aufgezwungenen
  jungen  Eindringling  einen  abstoßenden  Empfang
zu  bereiten.  Aber  von  der  ersten  Minute,  von  der  ersten  Be-