Volkssage. 163
Nicht selten beruhen solche Neckereien auf etwas, das überhaupt
vielfach der Sagenbildung den Stoff geliefert oder die Form bestimmt hat:
auf alten Denkmälern, Städtewahrzeichen u. dgl. So der allbekannte
Ulmer Spatz, in Wirklichkeit wohl eine der Dohlen, die so zahlreich
an und auf dem Münster hausen, während die Spatzensage von
Mauch (Ulmer Vereinsh. 1873 S. 23) darauf zurückgeführt wird, daß
man nach einem Pasquill vom ungarischen Aufstand 1604 (Anz. d. Germ.
Mus. 1858, S. 412) die Ulmer „Spatzenschützen“ genannt habe. So
der Spion von Aalen, ein Spott der Gmünder, angeknüpft an das Wahrzeichen
der Stadt: die angeblich nach einem großen Brand den Aalemern
von den Nürnbergern geschenkte Rathhausuhr mit stoßenden Böcken und
einem Perpendikel, welcher einen Mannskopf mit kurzem Pfeifchen im
Munde in Bewegung setzte, so daß derselbe immer nach links und rechts
umschaute, unaufhörlich umherspionirte.
Solcher redend gewordenen Denkmäler von Erde, Stein und
Metall — saxa loquuntur — ist Legion. Erwähnt sind schon im vorigen
Abschnitt die mancherlei Naturspiele in der Steinwelt mit den weithin
verbreiteten Sagen von den Teufels= und Herrgottstritten, der große Grenzwall,
die Teufelsmauer genannt. Hieher gehören weiter die großen Hügelgräber
mit ihren vielgestaltigen Ueberlieferungen: vom Degenmännlein bei
Ebingen, weil ein Schwert ausgegraben wurde, vom Kleinaspergle, den
die Franzosen bei einer Belagerung des Asperg aufgeworfen haben sollen rc.
Ferner die Sagen, welche sich an die zahlreichen Mord= oder Sühnkreuze
heften, an den Löffelstein bei Cleversulzbach, einen Grenzmarkstein mit
einem Bild, das an einen Löffel erinnert — dort soll einer bei einem
Grenzstreit geschworen haben: so wahr der Schöpfer ober mir ist, stehe ich
auf Brettacher Boden; dabei habe er unter dem Hut einen Schöpflöffel
und in die Schuhe Brettacher Erde verborgen gehabt — eine Schwursage,
die nach Birlinger zum Gemeingut der germanischen Stämme bis nach
Island hinein gehört. Sodann die verschiedenen Münstersagen in Ulm,
welche Mauch im Ulmer Vereinsheft 1873 zusammengestellt hat, z. B.
von dem unverglasten Fenster über der Sakristei, das kein Glasfenster
leidet, weil vor Zeiten der Teufel einen Pfaffen da hinausgeführt; vom
Meister, welcher am Hauptthurm, da wo die Treppenspindel sich versetzt,
durch ein halbrundes Fenster hereinschaut, weil er sich von da aus Mißmuth
heruntergestürzt. Die Erzählung vom Maulbronner Kirchenbau,
veranlaßt durch ein Loch und ein Bildwerk an einer Pforte zwischen Schiff
und Chor, einen Arm mit schwörender Hand, um den sich ein Strick
schlingt: Räuber, welche sich dem Bau widersetzten, sollen sich auf die
Zusage der Mönche, das Gotteshaus nicht auszubauen, zurückgezogen haben,
aber als endlich doch das Glöcklein durch das Thal tönte, wieder herbei-