Full text : Geschichte des Preußischen Staates

200  Türkengefahr.

auch  die  übrigen  Mächte  durch  die  Wucht  der  Verhältnisse  mit  in  den  Kampf
gezogen  werden  müßten,  und  das  Haus  Oesterreich,  in  dem  doch  der  eigentliche
Schwerpunkt  gegen  Frankreich  liege,  nicht  untergehen  lassen  könnten.  Deutschland
mußte  allerdings  damit  in  den  furchtbarsten  Krieg  gezerrt  werden  und  einer  entsetzlichen
  Verwüstung  entgegen  gehen.  Aber  dem  habsburgischen  Hausinteresse
gegenüber  kam  dies  nicht  in  Betracht,  denn  unmöglich  könne  der  Kaiser  „sein  und
seiner  Leibeserben  patrimonium  abandonnieren".  Wie  gering  auch  die  Hoffnung
war,  den  Türken  zu  widerstehen,  so  wies  man  daher  die  oft  gebotene  Hilfe
Friedrich  Wilhelms  dennoch  wieder  und  wieder  ab,  da  dieser  sie  von  dem  Abschluß
  mit  Frankreich  abhängig  machte  und  in  seinem  wie  in  Deutschlands  Interesse
abhangig  nchen  mußte.

ch  selbst  wenn  dieser  zum  Abschluß  gekommen  wäre,  blieben  die  Angebote
des  guedschnle-  für  die  Sicherheit  des  Reiches  unendlich  hochherzig;  denn  nicht
nur,  daß  er  jeden  Gedanken  an  Rache  für  den  Verrat  von  1679  völlig  hintansetzte,
  wußte  er  vielmehr,  daß  ihm  selbst  jetzt  Schlimmeres  bevorstand.  Deun
harmlos  genug  bekannte  sogar  der  spanische  Gesandte  in  Wien  dem  brandenburgischen
  den  Plan,  daß,  sobald  des  Kurfürsten  Truppen  nach  Südosten  zum
Schutze  von  Kaiser  und  Reich  abmarschiert  seien,  Polen,  Schweden  und  die  Braunschweiger
  als  Verbündete  des  Kaisers  ihm  ins  Land  fallen  würden.  Hinzu  kam
noch,  daß  im  Norden  zwischen  dem,  mit  Frankreich  verbündeten,  Dönemark  und
dem,  mit  den  welfischen  Herzogen  geeinten,  Schweden  die  Verwickelungen  und
Gegensätze  so  weit  gediehen  waren,  daß  auch  hier  ein  Krieg  jeden  Augenblick  losbrechen
  konnte,  der  nicht  nur  Brandenburg  in  Mitleidenschaft  ziehen,  sondern  auch
Frankreich  neuen  Anlaß  zum  Kriege  gegen  Deutschland  geben  mußte.  Trotz  alledem
lehnte  der  Kaiser  sogar  eine  20=  bis  30jährige  Waffenruhe,  zu  der  König  Ludwig
sich  schließlich  verstand,  ab,  und  das,  wiewohl  die  drei  Kollegien  des  Reichstages
sie  annahmen.  Ebenso  wies  Spanien  auch  die  von  England  angebotene  Vermittelung
  mit  Frankreich  zurück.

Indessen  wenn  man  in  Wien  „auf  die  bekannten  generösen  Sentiments  des
Kurfürsten  wegen  Deliberierung  des  Vaterlandes“  gerechnet  hatte,  so  war  dies
doch  nicht  unrichtig  gewesen.  Durch  beispiellos  kühne  Wendungen  und  die
schwierigsten  Kombinationen  beschwor  er  zunächst  den  Kampf  im  Norden,  der  —
wenn  er  auf  seinen  Vorteil  allein  gesehen  —  ihn  wohl  hätte  zu  neuem  Kampf
um  Pommern  veranlassen  können.  Mit  großer  Bestimmtheit  veranlaßte  er  ferner
den  König  Ludwig,  an  Kaiser  und  Reich  immer  neue  Vorschläge  zu  machen  und
ließ  sich  durch  dessen  Drohen  von  seinen  Anerbietungen,  dem  Kaiser  Türkenhilfe
  zu  senden,  nicht  abschrecken.  Im  Gegenteil  rüstete  auch  er  sich  für  alle
Fälle  mit  voller  Macht,  und  selbst  gehässige  Gegner  des  Kurfürsten  erkennen  an,
daß  jene  Bestimmtheit,  die  durch  das  auf  30000  Mann  gebrachte  Heer  und  die
Erinnerung  an  dessen  Thaten  gegen  die  Schweden  den  nötigen  Nachdruck  erhielt,
ebenso  wie  die  Besorgnis  Ludwigs,  der  Kurfürst  könne  doch  das  ihm  auferlegte  Joch
abschütteln,  den  König  vermocht  haben,  von  dem  geplanten  Einfall  in  das  Reich
zur  Zeit  der  Türkennot  abzustehen.  Dank  der  unermüdlichen  Fürsorge  des  rfürsten
  hatte  mithin  der  Kaiser  sich  allein  der  Türken  zu  erwehren.  Un
gelang.  Heldenmütig  verteidigte  sich  Wien  gegen  die,  an  Zahl  gewaltig  #es
legenen  und  deshalb  sorglos  gewordenen  Türken.  Am  12.  September  1683
war  Wien  entsetzt,  waren  die  Türken  geschlagen.  Gran  wurde  von  Johann