Full text : Geschichte des Preußischen Staates

202  Neue  Ansprüche  Ludwigs.  —  Kurfürst  und  Kaiser.

zwischen  den  beiden  Hauptmächten  des  Katholizismus  nicht·  so  leicht  übertünchen,
und  Ludwig  XIV.  that,  was  nur  möglich  war,  um  Oesterreich  zu  zwingen,  bei
den  protestantischen  Mächten  Hilfe  zu  suchen.  Denn  wie  Kinderspiel  erschienen
die  Reunionen  einzelner  Dörfer,  Städte  und  Landesteile  gegen  das,  was  Ludwig
jebt  in  Scene  setzte.

Im  Beginn  des  Jahres  1685  benutzte  er  nämlich  eine  gefährliche  Erkrankung
des  Königs  von  Spanien,  um  in  einer  überall  verbreiteten  Denkschrift  die  gesamte
spanische  Erbschaft  für  seinen  Dauphin  in  Anspruch  zu  nehmen,  und  den  Tod
des  Kurfürsten  von  der  Pfalz  benutzte  er  in  derselben  Weise,  um  für  Frankreich
den  ganzen  Allodialnachlaß  und  alle  Länder,  die  Kurpfalz  links  vom  Rheine
besaß,  zu  fordern.  Endlich  betrieb  er  auch  die  Wahl  seines  Sohnes,  des  Dauphins,
zum  deutschen  Kaiser,  hoffte  sie  mit  Gewalt  durchzusetzen  und  die  deutsche  Kaiserkrone
  in  seinem  Hause  erblich  zu  machen.  Da  hatte  man  deutlich  das  Bild  der
U#fersalmonarchie  wie  sie  Ludwig  wollte.  Alle  Staaten,  alle  Völker  waren

bedroht,  und  wenigstens  „in  Deusschend  so  gestand  man  sich  ein,  „könne  und
müsse  Kurbrandenburg  allein  vor  den  Riß  stehen".  Natürlich  war  der  Kurfürst
bei  diesen  erneuten,  allem  Völkerrecht  Hohn  sprechenden,  allen  Verträgen  zuwider
sauseneen  Ansprüchen  Ludwigs  auf  weite  deutsche  Länder  auch  nicht  mehr  durch
seine  Verträge  an  Frankreich  gebunden.  Ludwig  hatte  sie  vollständig  gerrisen,
und  deutlich  zeigte  er  seine  Ueberzeugung,  daß  Friedrich  Wilhelm  jede  Gelegenheit
benutzen  werde,  die  ihm  auferlegte  Kette  zu  sprengen.  Man  lachte  schon  lange  in
Frankreich  über  die  Behauptung,  daß  es  zur  Zeit  ein  deutsches  Reich  gäbe,  aber  man
gestand,  daß  des  K.  Kurfürsten  ganze  Thätigkeit  darauf  gerichtet  war,  ein  solches  wieder
zu  schaffen.  Schon  jene  Annäherung  an  Holland  hatte  bei  Ludwig  daher  heftigen
Widerwillen  erregt  und  empörende  Forderungen  an  den  Kurfürsten  hervorgerufen.
Aber  dieser  erfüllte  sie  nicht,  und  Ludwig  mußte  dies  hinnehmen,  weil  er
noch  immer  Brandenburg  brauchte  und  nicht  zulassen  konnte,  daß  Brandenburg
  und  der  Kaiser  sich  vereinten.  Denn  wie  vom  Anfang  seiner  Regierung
an  suchte  der  Kurfürst,  trotz  allem  was  geschehen,  auch  damals  wieder,  mit
dem  Kaiser  in  nahe  Verbindung  zu  kommen.  Denn  nur  auf  seine  Lande,
die  für  den  Augenblick  durch  die  französisch-brandenburgischen  Verträge  ja
geschützt  waren  und  diesen  Schutz  durch  die  Annäherung  an  den  Kaiser
verlieren  mußten,  Rücksicht  zu  nehmen,  lag  dem  Fürsten,  der  allzeit  „gut
reichisch"  sein  wollte,  sehr  fern.  Wie  Friedrich  Wilhelm  das  Verhältnis  ansah,
war  er  auf  den  Kaiser,  und  dieser  auf  ihn  angewiesen;  Ludwig  war  der  beiden
gemeinsame  Feind,  war  der  Feind  des  Reiches.  Und  wenn  sich  eine  Linie  bot,
auf  welcher  er  mit  dem  Kaiser  zusammen  für  das  Reich  eintreten  konnte,  so  war
dies  völlig  und  ganz  nach  seinem  Sinn.  Eine  solche  nun  mußte  sich  aus  jenem
Anspruch  Ludwigs  auf  das  spanische  Erbe  damals  ergeben.  Denn  wie  dem  Kurfürsten
  eine  Verteidigung  des  Reiches  selbst  ohne  die  Machtmittel  des  Kaisers
nicht  möglich  gewesen  wäre,  so  konnte  auch  der  Kaiser  ohne  Brandenburg  weder
auf  die  Durchsetzung  seiner  spanischen  Ansprüche,  noch  auch  nur  auf  die  dauernde
Abwehr  der  Türken,  mit  denen  er  noch  immer  im  Kampf  begriffen  war,  rechnen.

Darum  mußte  man  in  Wien  die  Eifersucht  auf  „das  neue  Königtum  der
Vandalen“  knse  lassen  hinter  die  Erkenntuis,  „daß  ohne  den  Knrfürsten
nichts  auszurichten  s1  ei,  und  derselbe  vor  allem  zufrieden  gestellt  werden  müsse".
Man  sandte  einen  der  gewandtesten  Unkerhändler,  den  Baron  Franz  Heinrich