Das geiftige Leben Deutfchlands im fiebzehnten Zahrhundert. 53
vermehrt. Ein alter Gafjt waren die Juden: jie wurden zwar
noch vielfach jchifaniert und gequält oder geärgert, aber doch nicht
mehr fyftenatifch verfolgt: an einzelnen Orten, wie in Hamburg,
ipielten fie durch ihren Reichtum und entiprechenden Luxus bereits
eine große Rolle. Die Formen des gejellichaftlichen Lebens und
Verkehrs hatten fich einigermaßen und unter franzöjiichem Einfluß
verfeinert, zunächt an den Höfen: doch nicht immer zum
Vorteil der guten Sitte; die Unterhaltung duldete jowohl an den
Höfen wie auch im bürgerlichen Mittelitand vielfach Zweideutigfeiten
und Schamlofigfeit. In den Städten nahm bei meift noch
bejcheidenem Hußeren der Häufer und des Straßenbildes Lurus
in Kleidung und Gajtereien mit dem wieder fteigenden Wohlitand
zu und an obrigfeitlichen Verordnungen, die fich Dagegen wendeten,
fehlte e& nicht: ein Übel, da3 noch von dem großen Kriege her
Datierte, wo e3 oft, um dem Außerften zu entgehen, hatte angewendet
werden müfjen, die Beftechlichkeit der Beamten und Bedienfteten,
309g wie aus anderen Quellen, fo aus Ddiefem übertriebenen
Aufwand feine Nahrung. Gern lieft man dagegen, daß
die alte Bolfsbeluftigung, die Schübenfete, wieder aufgenommen
wurden, und was von Anftalten zur Gejundheitspflege, dem langjam
zunehmenden Spitalmelen und ähnlichem, berichtet wird.
Das geiftige Leben wandte fi) mehr und mehr von der Theologie
und den religiöfen Sntereffen ab. Die wiffenfchaftliche Arbeit,
die niemal3 und am wenigften auf germanifchem Boden ganz ftille
jteht, war nicht ftehen geblieben, jeitdem das Werk des KRopernifus
de orbium coelestium revolutionibus die alte Anfchauungsweife
von der Erde al3 dem Mittelpunkt unferes Planetenfyftens er-\hüttert
Hatte; der Düne Tycho de Brahe, der Deutjche Iohann
Kepler ( 1630) folgten und ergänzten. Nicht fofort erregte das
neue Syitem, das alle fosmifchen Erjcheinungen auf einfache und
natürliche Weile erflärte, bei den firchlichen Machthabern Anftoß.
Allein Schon einige Sahre nach Keplers Tod wurde Galileo Galılei
in Rom, wo man fich unterdeffen befonnen und die Gefährlichkeit
und Unvereinbarfeit jener Entdefungen mit den Vorausfegungen