Der Kaiser in Jerusalem. 29
sie auch in diesem Falle formell im Rechte sind, klein beigeben
werden, sobald sie sehen, daß England Ernst macht“. Auf
meinen Einwand, daß doch in Frankreich noch bedeutende
geistige Kräfte lebendig seien, erwiderte er: „Glauben Sie
mir, ich kenne die Dinge besser als Sie. Frankreich ist
eine niedergehende Nation, da ist auf die Dauer nicht mehr
zu helfen, das wird die Zukunft lehren.“ Aber die innerste
Meinung des Kaisers kam bei dieser Gelegenheit zum Ausdruck,
als er sagte, für ihn persönlich gebe es kein höheres
Ziel, als den Frieden in Europa aufrechtzuerhalten. Von
Anfang seiner Regierung an habe er sich keinen anderen
Ruhm gewünscht, als den, seinem Volke lebenslang den
Frieden zu erhalten.
Auch auf die Metzeleien der Türken unter den armenischen
Christen, die damals ganz Europa erregten, kam der Kaiser
zu sprechen, als ich ihm die armenischen Waisen im Syrischen
Waisenhause vorstellte. Der Kaiserin war ein allerliebster
kleiner armenischer Junge, der sie mit seinen großen Augen
immer ansah, aufgefallen, und sie hatte mich nach ihm gefragt.
Ich erzählte ihr das Schicksal des armen Kindes.
Sein Vater war armenischer Geistlicher gewesen. Dieser
und seine Frau waren mit der ganzen Gemeinde von den
Türben in die Kirche getrieben, diese mit Petroleumfässern
übergossen und das Ganze angezündet worden. Die ganze
Gemeinde verbrannte, und das überlebende Kind wurde ins
Syrische Waisenhaus gebracht. Die Kaiserin war ganz entsetzt.
„Wilhelm“, hörte ich sie flüstern, „das mußt du auch
hören". Auch der Kaiser war entsetzt. Er sagte: „Ich
weiß wohl, viele meiner Landsleute können es nicht verstehen,