Full text : Geschichte des Preußischen Staates

204  Vertrag  mit  Oesterreich.  —  Aufhebung  des  Edilis  von  Nantes.

Fridag  von  Gödens,  nach  Berlin,  zunächst  um  Hilfe  gegen  die  Türken  zu  bitten.
Denn  die  kaiserlichen  Armeen  seien  samt  den  Hilfsvölkern  in  die  größte  Not
geraten,  das  Land,  von  Feind  und  Freund  geplündert,  liege  wüst,  das  Volk  sei
zu  weiteren  Kontributionen  untüchtig,  alles  hänge  von  der  Entscheidung  Friedrich
Wilhelms  ab,  auf  ihn  baue  der  Kaiser.  Allein  das  hinderte  nicht,  gleichzeitig
alle  Rechte  und  Forderungen  Brandenburgs  abzuweisen,  die  Entscheidung  über  sie
zu  vertagen.  Nur  die  Belehnung  mit  Magdeburg,  dessen  Administrator,  der
Herzog  von  Sachsen,  1680  gestorben  war,  konnte  man,  wenn  man  sich  einmal
auf  den  westfälischen  Frieden  stützte,  nicht  verweigern.  Aber  namentlich  die  Ansprüche
  auf  die  schlesischen  Herzogtümer  lehnte  man  ab.  Außer  Jägerndorf,
welches  man  so  oft  dem  Kurfürsten  in  Aussicht  gestellt  hatte,  war  nämlich  mit
dem  Tode  des  Herzogs  Georg  Wilhelm  von  Liegnitz,  Brieg  und  Wohlau  (Dezember
1675)  auch  der  in  der  Erbverbrüderung  zwischen  Brandenburg  und  Liegnitz  von  1537
vorgesehene  Fall  des  Aussterbens  des  herzoglichen  Hauses  eingetreten,  und  Brandenburg
  der  berechtigte  Erbe  dieser  Herzogtümer  geworden.  Das  aber  wollte  man
in  Wien  um  keinen  Preis  zugeben.  Der  Kurfürst  hatte  noch  im  Todesjahr  des
Herzogs  und  seitdem  wiederholt,  wie  vor  der  Belagerung  Wiens  durch  die  Türken,
an  diese  Ansprüche  erinnert;  doch  wie  er  damals  seinen  Beistand  nicht  von  der

1666  Entscheidung  dieser  Frage  abhängig  gemacht,  so  schloß  er  auch  jetzt  (4.  Jan.  1686)
mit  Oesterreich  einen  Vertrag,  in  dem  er,  ohne  daß  jene  Frage  erledigt  wäre,
dem  Kaiser  wenigstens  7000  Mann  gegen  die  Türken  zusagte.  Schon  im  April
waren  sie  marschfertig,  zogen  von  Krossen,  wo  der  Kurfürst  Heerschau  über  sie
hielt,  unter  Schöning  nach  Ungarn  und  erfochten  hier  namentlich  bei  der  Belagerung
  Ofens  neue  Lorbeeren.

Ein  dreister  Akt  der  Willkür  Ludwigs  hatte  auf  die  Vollziehung  dieses  Vertrages
  durch  den  Kurfürsten  wesentlich  eingewirkt.  Im  Sinn  jener  vordrängenden
katholischen  Reaktion  hatte  nämlich  Ludwig  einen  Schritt  gethan,  der  die  ganze
evangelische  Welt  in  die  hellste  Entrüstung  setzte,  und  Friedrich  Wilhelm  darauf
einen  Gegenschritt,  der  ihm  den  entschiedensten  Zorn  Ludwigs  zuzog.  Im  Oktober

#16°65  1685  entzog  der  König  durch  die  Aufhebung  des  Edikts  von  Nantes  den  Evangelischen
  die  Erlaubnis,  in  Frankreich  zu  leben.  Jeder  reformierte  Gottesdienst
wurde  verboten,  Schulen  und  Kirchen  wurden  geschlossen,  zuletzt  auch  die  Auswanderung
  bei  Galeerenstrafe  den  Reformierten  verboten.  Die  Einheit  der  Kirche
schien  dem  Könige  eine  unabweisbare  Forderung  des  Staates  zu  sein  im  vollen
Gegensaßz  zu  den  Hohenzollern,  die  in  der  Freiheit  der  Bekenntnisse  gerade  eine
der  saftreichsten  Wurzeln  des  Staates  sahen.  Aufs  tiefste  empfanden  der  Kurfürst
und  alle  evangelischen  Christen  diese  empörende  Maßregel,  die  weitaus  die  bisherigen
  Verfolgungen  der  Ketzer  übertraf.  Wie  der  Kurfürst  den  Kaiser  mit
Lebhaftigkeit  von  den  gräßlichen  Verfolgungen  der  Evangelischen  in  den  Erblanden
und  vorzüglich  in  Ungarn  abgemahnt  hatte,  so  erhob  er  sich  mit  dem  ganzen.
Gefühl  seiner  tiefen  Frömmigkeit,  mit  seinem  vollen  protestantischen  Bewußtsein
auch  zuerst  gegen  Ludwigs  blinden  Fanatismus,  und  schon  am  8.  November
erließ  er  das  Potsdamer  Edikt,  in  welchem  er  die  Flüchtlinge  aufforderte,  nach
Brandenburg  zu  kommen,  ihnen  Rat,  Unterstützung,  jegliche  Förderung  auf  der
Reise  und  in  der  neuen  Heimat  zusicherte.  Ueber  15000  Refugies  aus  allen
Ständen  und  von  jedem  Beruf  —  die  meisten  zwar  arm,  aber  fest  und  stark
ausgebildete  Charaktere  —  folgten  dem  Ruf  des  Kurfürsten.  Mit  der  größten  Herzlich-