Dinge: nur ein Volk voll starken Sinnes für die persönliche
Freiheit kann die politische Freiheit erringen und erhalten;
und wieder: nur unter dem Schutze der politischen Freiheit
ist das Gedeihen der echten persönlichen Freiheit möglich, da
der Despotismus, in welcher Form er auch erscheine, bloß
die niederen Leidenschaften, den Erwerbstrieb und den alltäglichen
Ehrgeiz entfesseln darf.
Sehen wir, wie weit der Sinn für persönliche Freiheit in
unserem Volke sich entwickelt habe, so dürfen wir wohl jenen
Kleinmut verbannen, womit uns das Betrachten unserer Lage
so leicht erfüllt. Auch wir tragen an dem gemeinen menschlichen
Fluche, daß die Völker ihrer tiefsten und eigensten Vorzüge
sich selten klar bewußt sind. Mit unbegreiflich leichtblütiger
Hoffnung redet man von jener gewaltigen Macht,
welche „die Million Bajonette" des einigen Deutschlands
dereinst vorstellen werde. Und doch, gelingt einst das Werk
der nationalen Reform, so wird zwar die Schande ein Ende
haben, daß ein großes Volk durch sein Grundgesetz zu
der defensiven Politik eines Kleinstaates verurteilt ist; aber
unsere Macht wird nach wie vor fürs erste eine ziemlich
bescheidene sein. Denn so schnell nicht verharschen die Wunden,
welche die Sünden und das Unglück von Jahrhunderten geschlagen.
Auch das ist eine Täuschung, wenn man meint,
der deutsche Staat werde sofort durch seine inneren Einrichtungen
zu einem Musterstaate werden. Freilich, wird
unsere nationale Einigung je vollendet, so wird uns nicht
länger mehr das empörende Schauspiel verletzen, daß einem
gesetzlichen, maßvollen Volke kein Schimpfwort zu roh, kein
Witzwort zu bitter scheint für die höchste deutsche Behörde;
die Welt wird nicht mehr das Unerhörte sehen, daß die Verfassung
des gedankenreichsten der Völker grundsätzlich so un-26