Contents : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierunddreißigster Jahrgang. 1918. Zweiter Teil. (59b)

Großbritannien.  Sept.  5.—12.)  215

lock  Wilsons  und  den  gemäßigten  Arbeiterelementen,  die  weitaus  überwiegen.
Am  5.  wird  über  eine  Entschließung  des  Seemannsverbandes,  die  einen
fünfjährigen  Boykott  Deutschlands  nach  Friedensschluß  beantragt,  mit
3 835 000  gegen  493 000  Stimmen  zur  Tagesordnung  übergegangen.  Am  6.
wird  der  von  Havelock  Wilson  befürwortete  Antrag  auf  Gründung  einer
(kriegshetzerischen)  eigenen  gewerkschaftlichen  Parlamentspartei  mit
3 815 000  gegen  567 000  Stimmen  abgelehnt.  Ebenso  wird  der  Antrag, 
daß  sich  die  Gewerkschaften  zu  einer  politischen  Föderation  innerhalb  der
Arbeiterpartei  zusammenschließen  sollen,  abgelehnt.  Ferner  wird  u.  a.  einstimmig
  eine  Entschließung  zugunsten  von  Homerule  in  Irland  und  mit
2 711 000  gegen  591 000  Stimmen  eine  Entschließung  zugunsten  der  Aufrechterhaltung
  des  Freihandels  nach  dem  Kriege  angenommen.

5.  Sept.  Drohung  an  die  Räteregierung.

Die  engl.  Blätter  melden,  daß  die  engl.  Regierung  an  den  russ.
Volkskommissar  für  Ausw.  Angelegenheiten  Tschitscherin  folgende  Depesche
  abgesandt  hat:  Wir  haben  den  Bericht  erhalten,  daß  (am  31.  Aug.)
ein  gewaltsamer  Angriff  gegen  die  engl.  Botschaft  in  Petersburg  unternommen
  wurde,  daß  das  Inventar  in  dem  Gebäude  geplündert  und  vernichtet
  wurde  und  daß  Kapitän  Cromie,  der  versuchte,  sich  zu  verteidigen,
ermordet  und  sein  Leichnam  grausam  verstümmelt  wurde.  Wir  fordern  sofortige
  Genugtuung  und  schleunige  Bestrafung  aller  derjenigen,  die  verantwortlich
  sind  für  diese  grausame  Tat,  oder  deren  Mitschuldige.  Falls
die  Sowjetregierung  keine  genügende  Genugtuung  leistet  oder  wenn  neue
Gewalttaten  gegen  engl.  Angehörige  versucht  werden,  wird  die  engl.  Regierung
  die  Mitglieder  der  Sowjetregierung  selbst  persönlich  verantwortlich
halten  und  alles  versuchen,  zu  garantieren,  daß  sie  durch  die  Regierungen
sämtlicher  zivilisierter  Nationen  für  vogelfrei  erklärt  werden.  Das  Telegramm
teilt  ferner  mit,  die  russ.  Regierung  sei  bereits  durch  Litwinow  (russ.  Vertreter
  in  London)  darüber  informiert,  daß  die  engl.  Regierung  bereit  war,
alles  mögliche  zu  tun,  um  die  Rückkehr  der  sämtlichen  Vertreter  der  engl.
Regierung  nach  England  und  der  russ.  Sowjetregierung  nach  Rußland  zu
sichern.  Nachdem  sie  nunmehr  in  Erfahrung  gebracht  habe,  daß  durch  Erlaß
der  Sowjetregierung  v.  29.  Aug.  die  Verhaftung  aller  engl.  und  franz.
Untertanen  zwischen  18  und  40  Jahren  angeordnet  wurde  und  engl.  Beamte
  wegen  angeblicher  Verschwörung  gegen  die  Sowjetregierung  verhaftet
wurden,  habe  sich  die  engl.  Regierung  veranlaßt  gesehen,  Litwinow  und
seinen  Stab  vorläufig  zu  verhaften,  bis  den  engl.  Vertretern  freie  Ausreise
aus  Rußland  gewährt  wird.  (S.  dazu  Rußl.,  30.  Aug.)

6.  Sept.  (Irland.)  Aufschiebung  von  Homerule.

Die  „London  Gazette"  veröffentlicht  einen  kgl.  Erlaß,  der  eine  Verschiebung
  des  Inkrafttretens  des  Gesetzes  betr.  Homerule  für  Irland  auf
weitere  sechs  Monate,  d.  h.  bis  zu  einem  Zeitpunkt,  der  nicht  später  als  das
Ende  des  gegenwärtigen  Krieges  liegen  darf,  ankündigt.

12.  Sept.  Lloyd  George  gegen  jeden  Vergleich.

Bei  der  Verleihung  des  Ehrenbürgerrechtes  hält  Premierminister  Lloyd
George  in  Manchester  eine  Rede,  in  der  er  aufs  neue  das  Thema
variiert,  daß  nur  der  Sieg  einen  sicheren  Frieden  bringen  könne.  (S.  darüber
die  „Nordd.  Allg.  Ztg.“  1918  N.  470.)  —  Bei  dem  darauffolgenden  Mittagsmahl
  beim  Bürgermeister  sagt  Lloyd  George  in  einer  Rede:  Als  ich  das
letzte  Mal  in  Manchester  war,  sprachen  rasche  Menschen  viel  von  einem
Vergleich  und  sagten,  sie  wollen  einen  Frieden  durch  Verhandlungen,  ich
habe  aber  geantwortet,  es  könne  keinen  Vergleich  geben  zwischen  Freiheit