Full text : Europäischer Geschichtskalender. Zwölfter Jahrgang. 1871. (12)

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Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.

lebenden  zu  erfüllen.  Auf  festeren  Grundlagen  als  je  ist  das  deutsche  Reich
wieder  aufgerichtet,  und  die  Nation  ist  entshlossen,  es  zu  erhalten  in  der
Fülle  seiner  Kraft,  es  fortzuentwickeln  auf  den  Bahnen  der  Freiheit  und  des
Friedens.  Wollen  Ew.  Majestät  den  Dank  entgegennehmen,  welchen  die  gesammte
  Nation  dem  erhabenen  Feldherrn,  dem  Heldenmuth  und  der  Hingebung
des  deutschen  Heeres  schuldet,  den  Dank  für  die  gewaltigen  Thaten,  denen  es
beschieden  war,  nicht  allein  die  gegenwärtige  Gefahr  abzuwenden,  sondern  auch
die  Zukunft  vor  der  Wiederkehr  gleicher  Gefahren  zu  schützen.  Denn  mehr
noch  als  die  erlittenen  Niederlagen  wird  die  jetzt  starke  Befestigung  unserer
Grenzen  den  Nachbarn  zur  Vorsicht  mäßigen.  Die  schweren  Drangsale,  welche
über  die  Noth  des  Krieges  hinaus  Frankreich  heute  erduldet,  bekräftigen  die
oft,  doch  niemals  straflos  verkannte  Wahrheit,  daß  in  dem  Verbande  der
civilisirten  Völker  selbst  die  mächtigste  Nation  nur  in  der  weisen  Beschränkung
auf  die  volle  Entfaltung  ihres  inneren  Wesens  vor  schweren  Verwirrungen  gesichert
  bleibt.  Auch  Deutschland  hat  einst,  indem  die  Herrscher  den  Ueberlieferungen
  eines  fremdländischen  Ursprunges  folgten,  durch  Einmischung
in  das  Leben  anderer  Nationen  die  Keime  des  Verfalles  empfangen.  Das  neue
Reich  ist  dem  selbsteigenen  Geiste  des  Volkes  entsprungen,  welches,  nur  zur
Abwehr  gerüstet,  unwandelbar  den  Werken  des  Friedens  ergeben  ist.  In  dem
Verkehr  mit  fremden  Völkern  fordert  Deutschland  für  seine  Bürger  nicht  mehr,
als  die  Achtung,  welche  Recht  und  Sitte  gewährleisten,  und  gönnt,  unbeirrt
durch  Abneigung  oder  Zuneigung,  jeder  Nation,  die  Wege  zur
Einheit,  jedem  Staate,  die  beste  Form  seiner  Gestaltung  nach
eigener  Weise  zu  finden.  Die  Tage  der  Einmischung  in  das
innere  Leben  anderer  Völker  werden,  so  hoffen  wir,  unter  keinem
Vorwande  und  in  keiner  Form  wiederkehren.  Ew.  Majestät  folgen
wir  mit  freudiger  Zustimmung  zu  den  dringenden  Aufgaben,  welche  der  beendete
  Krieg,  und  zu  den  dauernden  Aufgaben,  welche  die  Verfassurg  des  Reiches
uns  stellt.  Alle  unsere  Kräfte  werden  zuerst  dem  hohen  Berufe  gewidmet  sein,
die  Wunden  zu  heilen,  welche  der  Krieg  geschlagen  hat,  und  die  Pflicht  des
Vaterlandes  zu  erfüllen  gegen  Diejenigen,  welche  Leben  oder  Gesundheit  für
seinen  Schutz  geopfert  haben.  Allen  Vorlagen  werden  wir  unsere  aufmerksame
Mitthätigkeit  zumenden.  Es  überrascht  nicht,  daß  der  Krieg  die  Vorarbeiten
der  regelmäßigen  Gesetzgebung  verzögert  hat,  und  vermindert  nicht  unsere
Hoffnung,  daß  die  Gesetzgebung  des  Reiches  sich  eben  so  fruchtbar  erweisen  wird,
wie  die  Gesetzgebung  des  nordd.  Bundes.  Die  umfangreiche  Einführung  nordd.
Gesetze  in  den  Südstaaten  erhöht  unser  Vertrauen  zu  dem  harmonischen  Zusammenwirken
  aller  Glieder  des  Reiches,  auch  der  Organe,  welche  berufen  sind,
die  einzelnen  Staaten  zu  vertreten.  Mit  Genugthuung  vernehmen  wir,  daß
aus  der  Kriegsentschädigung  zunächst  das  Bedürfniß  des  Reiches,  sodann  die
berechtigten  Ansprüche  seiner  Mitglieder  befriedigt  werden  sollen.  Für  das
Wohl  der  für  Deutschland  zurückerworbenen  Gebiete  ist  das  deutsche  Volk  mit
den  wärmsten  Gefühlen  brüderlicher  Theilnahme  erfüllt.  Die  schönsten  Denkmäler
  deutscher  Cultur  und  deutschen  Volkslebens  erinnern  an  deutsche  Vergangenheit
  in  Elsaß  und  Lothringen.  Lange  Entfremdung  hat  manche  Spuren
eines  reichen  Jahrtausends  deutscher  Geschichte  verwischt,  doch  unsere  Sprache
und  Sitte  sind  der  Mehrzahl  des  Volkes  noch  unverloren.  Mögen  Gesetzgebung
  und  Verwaltung  zusammenwirken,  an  diese  Beziehungen  überall  anzuknüpfen,
  das  Wiedererwachen  des  deutschen  Geistes  zu  unterstützen  und  in  der
Versöhnung  der  Gemüther  die  Bande  zu  stärken,  welche  die  herrlichen  Provinzen
mit  dem  übrigen  Deutschland  wieder  vereinigen.  In  diesem  Geiste  werden
wir  uns  den  Arbeiten  widmen,  welche  die  Grundlagen  der  neuen  Ordnung
schaffen  oder  vorbereiten  sollen.  Kaiserliche  Majestät!  Der  Zufriedenheit
Deutschlands,  der  Sicherheit  Europa's  hat  die  Einheit  des  deutschen  Reiches
gefehlt.  Jetzt  ist  die  Einheit  errungen  und  das  Reich  unter  dem  Schutze  seines
Kaisers,  unter  der  Herrschaft  seiner  Verfassung  und  der  Gesetze  sicher  gestellt.