Full text : Lesebuch für die katholischen Volksschulen des Regierungsbezirks Düsseldorf. Zweiter Teil: Mittelstufe. (2)

—  134  —

weder  Bruder  noch  Schwester,  keinen,  der  ihm  nahesteht  und  ihn
erwartet.“

Und  ohne  ein  Wörtchen  zu  sagen,  schauten  sich  die  Kinder  an,
gingen  hin  zu  dem  Einsamen  und  legten  den  roten  Apfel  in  seine
Hände.  —  Der  „Allerärmste“  war  gefunden.

128.  Luisens  Ausgang.  Von  Christian  Löhr.

Wier  Wochen  hatte  die  arme  Luise  krank  gelegen,  und  erst
seit  zwei  Tagen  durfte  sie  außer  dem  Bette  sein.

Heute  sollte  das  Kind  nach  den  langen  vier  Wochen  zum
erstenmal  wieder  in  den  Garten;  der  Tag  war  heiter  und  die
Luft  warm  und  mild.

Von  ihren  Eltern  geführt,  ging  sie  matt  und  langsam
dem  Garten  zu;  aber  sie  war  auch  traurig  und  still.

„Warum  so  still,  Kind?"“  fragte  die  Mutter.  „Du  hast
dich  ja  lange  nach  dem  Garten  gesehnt  und  freust  dich  doch
jetzt  nicht?“

„Mutter,  ich  kann  nicht!“  antwortete  Luise.  „Ach,  meine
schönen  Levkoien  und  Nelken  werden  wohl  alle  verdorrt  sein!
Es  hat  sie  ja  niemand  gepflegt!“

Das  Kind  kommt  in  den  Garten,  kommt  an  sein  Beet,
erstaunt  und  freut  sich.  Das  Beet  war  rein  von  allem  Unkraut;
  die  Nelken  und  Levkoien  standen  in  voller  Blüte,  und
die  Nelken  waren  an  kleinen  Stäben  sorgfältig  aufgebunden;
kein  Pflänzchen  war  vertrocknet,  keins  war  eingegangen;  man
sah  es  noch,  daß  sie  frisch  behackt  und  begossen  waren.

„O  ihr  schönen  Blumen!“  rief  Luise;  „wer  hat  euch  gepflegt?“
  —  Sie  sieht  den  Vater  an  und  die  Mutter.  —  Vater
und  Mutter  lächeln.

„Vater,  dur"  fragt  das  Kind.  Der  Vater  sagt:  „Nein.“"

„Aber  du,  Mutter?"“  —  „Auch  nicht.“

Aber  nicht  weit  von  ihr  steht  Wilhelm,  ihr  Bruder;  seine
Augen  glänzen  vor  Freude,  und  sein  Entzücken  kann  er  nicht
verbergen.  Luise  sah  ihn  an.  „Oh,  nun  weiß  ich's!“  sagte  sie
und  umarmte  den  Bruder.

129.  Beinahe  ertrunken.  Von  Anton  Dietrich.

Nicht  weit  von  Elberfeld  fließt  ein  tiefer  Bach  in  die  Wupper.  An
diesem  Bache  wohnte  einst  ein  Arbeiter.  Nahe  bei  seinem

Häuschen  führte  ein  Steg  über  den  Bach.  Der  Arbeiter  hatte  drei