Full text : Unser Preußen.

1.  Die  Neugründung  des  Staates  durch  den  Großen  Kurfürsten.  57

wurden  von  diesen  erhoben  und  verwaltet.  Es  bestand  damals  eine  Grund—
und  eine  Vermögenssteuer;  doch  waren  die  Adligen,  Geistlichen  und  Schulzen
steuerfrei.  Auch  die  Städter,  besonders  die  herrschenden  Familien,  wußten
sich  meistens  zu  befreien,  so  daß  mancher  Bauer  ebensoviele  Steuern  zahlte
als  eine  ganze  Stadt.  Dabei  hatten  die  Stände  ihre  Gerechtsame  nicht  nur
dem  Landesherrn,  sondern  auch  dem  Volke  gegenüber  stets  weiter  ausgedehnt.
In  den  Städten  führten  meistens  wenige  patrizische  Familien  das  Regiment
und  bereicherten  sich  auf  Kosten  der  ärmeren.  Die  Rittergutsbesitzer  hatten
vielfach  die  in  den  Kriegen  verarmten  Bauern  „ausgekauft“  oder  wüste
Flächen  an  sich  gebracht  und  mit  Hörigen  besetzt;  die  ihnen  zustehende  niedere
Gerichtsbarkeit  (Patrimonialgerichtsbarkeit)  mißbrauchten  sie  nicht  selten  zur
Unterdrückung  der  Bauern.  Aus  dieser  unfreien  Lage  konnte  der  Kurfürst
die  Bauern  nicht  befreien;  aber  die  Steuerlast
  hat  er  den  niederen  Ständen  erleichtert.
Vor  allem  wollte  er  die  Stener  gerechter
verteilen,  sie  in  eine  regelmäßig  fließende
umwandeln  und  durch  seine  Beamten  erheben
  und  verwalten  lassen.  Als  gerechteste
Steuer  betrachtete  er  die  Accise,  d.  i.  eine
indirekte  Abgabe  von  in=  und  ausländischen
Waren,  die  also  von  jedem  gezahlt  werden
mußte,  der  solche  Waren  kaufte.  Der  erste
Versuch  des  Kurfürsten,  die  Accise  einzuführen,
  scheiterte  an  dem  Widerspruch
der  Stände;  später  führte  er  sie  in  einigen
märkischen  Städten  ein,  und  da  sie  sich  f
bewährte,  nach  und  nach  im  ganzen  Lande.  #
Auch  nahm  der  Kurfürst  das  Münzrecht.
sowie  den  Alleinhandel  (Monopol)  mit  W
Salz  und  Mühlsteinen  für  sich  in  Anspruch.  Derfflinger.

Die  Stände  schrieen  über  Vergewaltigung,

klagten  über  harten  Druck  und  baten  um  Erleichterung  der  Militärlast;  der
Kurfürst  ließ  sich  aber  weder  erweichen,  noch  einschüchtern,  und  die  Ver—
ständigen  mußten  schließlich  doch  bekennen,  daß  er  nur  das  Beste  des  Landes
im  Auge  gehabt  habe.  Für  sich  selber  brauchte  er  wenig;  nur  bei  fürstlichen
Besuchen  oder  auf  Fürstenversammlungen  ließ  er  es  an  Glanz  nicht  fehlen.
So  hat  der  Große  Kurfürst  die  beiden  Hauptstützen  des  brandenburgisch-preußischen
  Staates  geschaffen:  ein  starkes  Heer  und  sichere
Staatseinnahmen.

3.  Erwerbung  der  Tandeaohoheik  in  Preußen.

Gustav  Adolfs  Tochter,  die  Königin  Christine  von  Schweden,  legte  1654
die  Regierung  nieder;  ihr  Nachfolger  wurde  ihr  Vetter  Karl  X.  Gustav
von  Pfalz-Zweibrücken.  Aber  König  Kasimir  von  Polen  glaubte  als  Haupt
der  älteren  Linic  des  Hauses  Wasa  nähere  Ansprüche  auf  die  Krone  Schwedens
zu  haben  als  Karl  X.  Gustav  und  verweigerte  ihm  die  Anerkennung.  Karl,