Full text: Unser Preußen.

2. Die Stiftung des Königtums durch Friedrich III. (I.) 83 
als auf Reinheit des Herzens und des Lebens, trat Phil. Jak. Spener, 
damals Oberhofprediger in Dresden, auf, indem er einen Glauben forderte, 
der in der Liebe thätig ist. Seine Anhänger nannte man Pietisten. Von 
seinen Gegnern, den Orthodoxen, verdrängt, ging er nach Berlin; ihm folgte 
bald Aug. Herm. Francke, der aus Leipzig weichen mußte und in Erfurt 
eine Predigerstelle annahm. Auch der Rechtslehrer Thomasius, der uner- 
müdlich gegen Aberglauben, Hexenverfolgung und Folter eiferte und — da- 
mals etwas ganz Unerhörtes — sich bei seinen Vorträgen der deutschen 
Sprache bediente, wurde, weil er alles Ubernatürliche, auch die Wunder 
leugnete, aus Leipzig vertrieben. Friedrich III. nahm ihn auf und beschloß, 
den schon von seinem Vater gehegten Plan, in Halle eine Universität zu 
gründen, jetzt auszufüh- 
ren. Unter den Gelehr- 
ten, welche er außer 
Thomasius dorthin be- 
rief, befand sich auch 
Francke, der hier (seit 
1692) eine großartige, 
segensreiche Thätigkeit 
entfaltete. 1698 legte er 
den Grund zudemberühm- 
ten Halleschen Waisen 
hause, das mit Unterr 
stützung Friedrichs II. 
und anderer frommer 
Leute in drei Jahren 
fertig wurde; er errich- 
tete eine Armenschule, 
Bürgerschule, ein Päda- 
gogium, ein Seminar, .—-·»· 
eine Buchhandlung, Buch- ·""-« 
druckerei Apotheke. August Hermann Francke. 
Der Freiherr von Canstein fügte noch eine Bibelanstalt zur Verbreitung 
billiger Bibeln unter die Armen hinzu. Das Hallesche Waisenhaus bildete bald 
auch Missionare aus, und in dem Pädagogium ist der Graf Zinzendorf, 
der Stifter der Herrnhuter Brüdergemeinde, erzogen. « 
  
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3. Erwerbung der Rönigakrone. 
Der Große Kurfürst hinterließ seinem Sohne einen Staat, größer als das 
heutige Bayern, Württemberg und Baden zusammen, und ein starkes Kriegsheer, 
so daß zu einem Königreiche nur noch der Name fehlte. Diesen Namen seinem 
Lande zu erwerben, war Friedrichs eifrigstes Bestreben. Hierzu wurde er noch 
mehr gedrängt durch das damals an allen Höfen herrschende Streben nach Rang 
und äußerem Glanze, durch die Zurücksetzung, welche seine Gesandten in Ryswick 
erfahren hatten, und durch den von anderen Fürsten bereits errungenen Erfolg. 
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