Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierter Jahrgang. 1888. (29)

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  16.—19.)  63

stehen,  einig  in  der  Überzeugung,  daß  die  Bande  der  Freundschaft.  durch  so
weise  Hände  und  für  den  Frieden  geschlungen,  jede  Probe  bestehen  werden,
jetzt  und  in  der  Zukunft.  Mit  vollstem  Vertrauen  erkennt  Österreich-Ungarn
in  Sr.  Majestät  dem  Kaiser  Friedrich,  dem  erlauchten  und  würdigen  Nachfolger
  des  hohen  Verblichenen,  einen  nicht  minder  warmen  Freund  seines
Monarchen  und  seiner  Völker.  (Gez.:)  Kalnoky.“

16.  März.  Feierliche  Beisetzung  der  Leiche  Kaiser  Wilhelms
  im  Mausoleum  zu  Charlottenburg.

Dieselbe  findet  unter  ungeheurer  Beteiligung  der  Bevölkerung  statt.
Dem  Sarge  folgen  im  Leichenzuge  die  Könige  von  Sachsen,  Belgien  und
Rumänien,  der  Kronprinz  Rudolf  von  Österreich,  der  Großfürst  Thronfolger
von  Rußland,  der  Prinz  von  Wales,  der  Kronprinz  von  Italien.

19.  März.  (Die  Allerhöchsten  Botschaften.)  Im  versammelten
  Reichstag  verliest  der  Kanzler  folgende  Kaiserliche  Botschaft
  an  den  Reichstag:

Wir,  Friedrich  von  Gottes  Gnaden,  Deutscher  Kaiser,  König  von
Preußen  2c.  2c.  2c.  tun  kund  und  fügen  hiemit  zu  wissen:

Durch  den  nach  Gottes  Ratschlusse  erfolgten  Hintritt  Unseres  geliebten
Herrn  Vaters  ist  mit  der  preußischen  Krone  die  deutsche  Kaiserwürde  auf
Uns  übergegangen.  Wir  haben  die  mit  derselben  verbundenen  Rechte  und
Pflichten  mit  dem  Entschlusse  übernommen,  die  Reichsverfassung  unverbrüchlich
  zu  beobachten  und  aufrecht  zu  erhalten  und  demgemäß  die  verfassungsmäßigen
  Rechte  der  einzelnen  Bundesstaaten  und  des  Reichstages  gewissenhaft
zu  achten  und  zu  wahren.  Im  Bewußtsein  der  mit  der  Kaiserlichen  Würde
Uns  überkommenen  hohen  Aufgabe  werden  Wir  nach  dem  Vorbilde  Unseres
unvergeßlichen  Herrn  Vaters  jederzeit  darauf  bedacht  sein,  in  Gemeinschaft
mit  den  Uns  verbündeten  Fürsten  und  freien  Städten  unter  der  verfassungsmäßigen
  Mitwirkung  des  Reichstages  Recht  und  Gerechtigkeit,  Freiheit  und
Ordnung  im  Vaterlande  zu  schirmen,  die  Ehre  des  Reiches  zu  wahren,  den
Frieden  nach  außen  und  im  Innern  zu  erhalten  und  die  Wohlfahrt  des
Volkes  zu  pflegen.

Durch  die  einmütige  Bereitwilligkeit,  mit  welcher  der  Reichstag  den
auf  die  Fortbildung  der  vaterländischen  Wehrkraft  behufs  Sicherstellung  des
Reiches  gerichteten  Vorschlägen  der  verbündeten  Regierungen  zugestimmt  hat,
ist  des  Hochseligen  Kaisers  Majestät  noch  in  den  letzten  Tagen  Seines  Lebens
hoch  erfreut  und  gestärkt  worden,  Ihm  ist  es  nicht  mehr  vergönnt  gewesen,
dem  Reichstage  Seinen  Kaiserlichen  Dank  für  diese  Beschlüsse  auszudrücken.
Um  so  mehr  ist  es  Uns  Bedürfnis,  dieses  Vermächtnis  des  in  Gott  ruhenden
Kaiserlichen  Herrn  dem  Reichstage  zu  übermitteln  und  dem  letzteren  auch
Unseren  Dank  und  Unsere  Anerkennung  für  die  bei  diesem  Anlaß  aufs  neue
bewiesene  patriotische  Hingebung  auszusprechen.

In  zuversichtlichem  Vertrauen  auf  diese  Hingebung  und  die  bewährte
Vaterlandsliebe  des  gesamten  Volks  und  seiner  Vertreter  legen  Wir  die  Zukunft
  des  Reiches  in  Gottes  Hand.

Gegeben  Charlottenburg,  den  15.  März  1888.

(L.  S.)  Friedrich.

 

von  Bismarck.
Nachdem  der  Reichskanzler  die  Botschaft  dem  Präsidenten  übergeben,
  bemerkt  dieser:

Ich  erlaube  mir,  diese  Allerhöchste  Botschaft  auf  den  Tisch  des  Hauses
niederzulegen.