Full text : Deutsches Kolonialblatt. XXVIII. Jahrgang, 1917. (28)

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war  und  keine  Waffen  hatte.  Botha  hette  —  er,
der  Bur  —  nach  englischen  Grundsätzen,  aber  nicht
nur  direkt  bei  den  Bastards,  den  Hottentotten  und
Herero  gegen  uns,  sondern  instruierte  seine  Unterführer,
  wie  erwiesen,  immer  wieder  dahin,  nur  ja
keine  Zusammenstöße  mit  den  Eingeborenen  herbeizuführen.
  Eingeborenen  das  requirierte  Vieh  sosfort
bar  zu  bezahlen  (der  Deutsche  bekam  nichts  oder
höchstens  Papiere,  die  nicht  in  bar  eingelöst  wurden),
alle  Eingeborenen  gut  zu  behandeln,  ihnen  Prarcnt
zu  schenken.  Es  war  trin  Wunder,  daß  er  viele  Eingeborene
  (nicht  alle)  so  für  sich  gewann,  daß  sie
Spionagedienste  für  ihn  leisteten,  was  GAmit  Geld  bezahlt
  wurde.

An  unserer  Küste  gab  es  keine  Befestigung,  nicht
einmal  eine  Batterie,  ja  nicht  einmal  schweres  Geschügg
  war  vorhanden.  Auf  die  Heranziehung  der
Landespolizei  war  die  Truppe  des  Mangels  an
waffenfähigen  Männern  wegen  natürlich  auch  angewiesen,
  und  hier  zeigte  sich,  daß  dieses  Nebeneinander
  in  unserem  Neuland  kein  Vorzug  war.
Der  Truppe  war  die  Polizei  nicht  unterstellt,  und  sie
konnte  infolgedessen  nicht  frei  über  deren  Beamte
versügen.  Kein  Mißverständnis!  Die  Polizeibeamten
haben  sich,  wo  sie  zur  Truppe  traten,  fast  durchweg
vorzüglich  benommen.  Der  Widerstand  des  Landesrats
  aber  gegen  eine  Verminderung  der  Schutztruppe
ugunsten  einer  stärkeren  Landespolizei  erwies  sich
jetzt  als  gerechtfertigt.  —  Endlich  waren  auch  politisch
  k.  inerlei  Vorbereitungen  für  einen  solchen  Krieg
getroffen.

Wie  stark  waren  wir  nun  eigentlich?  Die  aktive
Truppe  hatte,  nach  Abzug  der  Beurlaubten,  vielleicht
1800  Köpfe.  Dazu  rechneten  aber  alle  Kommandostäbe,
  alle  kleinen  Stationsbesatzungen,  die  Verkehrsgüge,
  die  Funkenstationen,  die  Meldeämter  und  das
Bezirkskommando,  die  Kranken,  das  Lazarettpersonal,
das  Personal  der  Magazine,  der  Depots,  die  Verwaltungsbeamten,
  kurz,  es  kamen  für  die  Front
höchstens  1200  Mann  in  Frage.  Nack  dem  nun  alle
nur  irgendwie  und  für  irgendeinen  Zweck  brauchbaren
  Leute,  darunter  viele  ausgesprochene  Krüppel,
schwer  Herzkranke,  die  dauernd  Ganzinvaliden  usw.
ringezogen  worden  waren  hatte  die  mobile  Truppe
in  ihrer  besten  Zeit  vielleicht  5500  Köpfe.  Damit
aber  waren  in  einem  Lande,  1½  mal  so  groß  wie
Deutschland,  die  ganzen  Eisenbahnen  und  Etappenstraßen,
  die  kleinen  Ortschaften  und  Stationen,  die
Farmen  zur  Aufrechterhaltung  des  Betriebes  und
zur  Sicherung  gegen  feindliche  Anschläge  und  Eingeborenenunruhen
  zu  besetzen,  zu  versehen  und  Zu
beschützen.  Es  waren  die  Grenzen  und  Küsten  zu
beseges  und  zu  beobachten,  wenn  auch  an  einzelnen
Punkten  nurmitganz  schwachen  Kräften.  Kein  Wunder,
daß  für  die  eigentliche.  Front  nur  etwa  3000  Mann
übrig  blieben.  Und  diese  mußten  für  einen  Angriff
von  vier  Seiten  bereitstehen.  Sie  hatten  den  Oranje
zu  halten,  einen  Einbruch  von  Lüderitzbucht  und  Swakopmund
  bis  zur  Walfischbai  aus  zu  verhindern  und
im  Südosten  die  Grenze  zu  schützen.  Kleinere  Ableilungen
  aber  mußten  in  Gobabis  und  Grootfontein
gegen  Überraschungen  vom  Caprivizipfel  und  vom
Rgami-See  her  sichern,  von  dort  drohte  die  Möglichkeit
  des  Einfalls  feindlicher  Eingeborener  besonders.
Endlich  war  man  auch  nicht  sicher,  was  Portugal
tun  werde,  und  der  seige  Mord  in  Naulila  hat  ja
bewiesen,  wie  berechtigt  das  Mißtrauen  gegen  Portugal
  gewesen  ist,  wenn  auch  die  innerpolitischen
Wirren,  dieses  Staates  ihm  ein  unverhülltes  Eintreten
  für  England  damals  noch  nicht  gestatteten.

An  Artillerie  hatten  wir  drei  moderne  Gebirgs- 



 

batterien.  Die  zwei  anderen  vorhandenen  Balterien.
die  noch  aus  der  Aufstandszeit  stammen,  wiesen  ebenso
wie  die  vier  10  cm-Haubitzen  erhebliche  Mängel  an
Ausrüstung  und  Munition  auf.  Auch  war  für  sie
Bedienung  zunächst  nicht  vorhanden.  Der  Rest  des
vorhandenen  Artilleriematerials  war  ein  Sammelsurium
  von  Geschützen.  See  sind  auch  größtenteils
gar  nicht  zur  Verwendung  gekommen.  Die  Bespannung
  war  gut,  solange  man  genng  Hafer  hatte,
was  aber  schon  nach  fünf  Monaten  nicht  mehr  der
Fall  war.  Unser  Stolz  war  die  Batterie  von  vier
10  cm-Haubitzen,  wie  sie  die  Feldartillerie  daheim
früher  hatte.  Die  Batterie  konnte  nur  mit  Ochsen
bespannt  werden;  mehr  braucht  man  wohl  darüber
nicht  zu  sagen.  Zu  den  drei  brauchbaren  Autos  der
Kommandos  fehlte  so  gut  wie  jeder  Ersatz  an  Reifen
usw.  Sie  mußten  daher  aufs  äußherste  geschont  werden.
Die  beiden  einzigen  Flugmaschinen  waren  schon  bei
Beginn  des  Krieges  eigentlich  Wracks  und  nur  der
roßen  Geschicklichkeit  und  der  unermüdlichen  erfinderischen
  Arbeit,  vor  allem  des  österreichischen  Ingenieurs
  und  Fliegeroffigiers  Leutnant  d.  R.  Fiedler,
der  den  einen  Apparat  flog,  ist  es  zu  danken,  daß
die  Flugzeuge  uns  überhaupt  noch  etwas  nützten.
Was  war  mit  so  geringen  Mitteln,  d.  h.  geringen
gegenüber  den  merschöpftichen  Hilfskräften  der  Union.
anzufangen?  Eine  rasche  Offensive  der  Schutztruppe
war  unmöglich.  Sie  hätte  zwar  den  Krieg  zunächst
in  Feindesland  getragen.  Da  jedoch  lange  Strecken
ohne  Eisenbahnen  zu  überbrücken  waren,  hätte  die
Sicherung  der  Etappenstraßen  die  an  sich  nur  sehr
schwache  Stoßkraft  der  Truppe  bei  jeder  Meile  vorwärts
  ganz  unverhältnismäßig  geschwächt.  Auseinandergeflossen
  wie  Wasser  wäre  die  Truppe  bei
dem  Versuch,  ernsthaft  in  die  Union  einzudringen.
Zwei  andere  Umstände  aber  machten  einen  solchen
Vorstoß  ganz  unmöglich:  Einmal  die  Gefahr,  daß
im  Schutzgebiet  selbst  Eingeborenenmuruhen  ausbrechen
  würden,  sobald  die  Truppe  sich  so  weit  entfernte,
  dann  die  Tatsache,  daß  aus  dem  Burenaufstand
überhaupt  nichts  geworden  wäre,  wären  wir  angriffsweise
  gegen  die  Union  vorgegan  Dann  hätte
Botha  mit  Fug  und  Recht  die  Wochene  forcc  der  gesamten
  Union  gegen  uns  zu  den  Waffen  gerufen.
hätte  jeden  Aufstandsgedanken  mit  dem  Hinweis,
die  Deutschen  wollen  die  Union  erobern,  sofort  im
Keime  erstickt.  Mit  diesem  Hinweis  operierte  er  ja
überhaupt,  und  die  Furcht  der  Buren  vor  deutscher
Eroberungssucht,  ihnen  künstlich  von  Botha  und  Genossen
  eingeredet,  war  es  ja  in  erster  Linie,  die  ihm
half.  Wie  die  Dinge  lagen,  waren  sich  daher  unfser
Gouverneur  und  Kommandeur  darüber  einig.  daß
man  sich  grundsätzlich  defensiv  verhalten  müsse  Man
war  sich  auch  einig,  daß  die  Schutztruppc  nicht  in
raschen  Schlägen  gegen  den  Feind  geopfert  werden
durfte,  da  dies  bei  der  oft  zwanzigfachen  Übermacht
des  Gegners  vergeblich  sein  müßte,  sondern  daß  sie
dem  Vaterland  nur  nützen  könne,  wenn  sie  möglichst
starke  feindliche  Kräfte  auf  sich  ziehe  und  fessele,  damit
  der  Gegner  keine  Truppen  für  den  zinlchen
Kriegsschauplatz  freimachen  könne.  Je  län
diese  Politik  verfolgen  ließe,  desto  zunreice  miste
lie  sein  und  desto  mehr  finanzielle  Opker  lege  sie
dem  Gegner  auch  auf,  wodurch  die  Lust  zu  überseeischen
  Abenteuern  ebenfalls  gehörig  gedämpft
werden  müßte.  Wie  richtig  dieser  Plan  war,  beweist
die  Tatsache,  daß  die  kritichndafrikre  Wochenschest
  „Vne#  am  17.  Septemb  er  die  Versuche,  Freiwillige
  für  Europa  zu  gewinnen,  in  einem  Artikel
„The  recruiting  scandal“  beleuchtend,  schrieb:  „Der
Leiter  der  Rekrutierung,  Major  Ansten,  hat  geäußert.