364 14. Der Kampf mit Rom um staatliche Selbständigkeit
ich bin in Sorge gewesen, wie wir es anzufangen haben
würden, vom politischen Standpunkte aus, etwa anspruchsvolle
Freunde so zu befriedigen, daß wir mit ihnen auf die Dauer
leben können, und daß wir dabei die nötige Fühlung mit der
Mehrheit des Landes behielten. Diese Sorge hat mich damals,
ich kann wohl sagen, in erster Linie beschäftigt, so oft ich
mich den inneren Angelegenheiten wieder zuwendete. Ich wurde
in der Tat überrascht durch die Haltung, welche die mobil
gemachte Armee einnahm.
„Ich habe mich aber noch in der ersten Reichstagssitzung
einer Außerung über diese Dinge sorgfältig enthalten, ich habe
mir gesagt, die Frage ist zu ernst, ich will abwarten, wie sich
die Partei entwickelt, ob freundlich oder feindlich, ich habe
geschwiegen. Von jener Seite wurde nicht geschwiegen.
„Ich mußte, als ich aus Frankreich zurückkam, erfahren,
welche Mittel bei den Wahlen angewendet worden waren, um
die Wahlen dieser neuen Partei durchzusetzen. Wir hatten gehofft,
an einer streng kirchlichen Partei eine Stütze für die
Regierung zu gewinnen, die dem Kaiser gibt, was des Kaisers
ist, die die Achtung vor der Regierung auch da, wo man
glaubt, daß die Regierung irrt, in allen Kreisen, namentlich
in den Kreisen des politisch weniger unterrichteten gemeinen
Mannes, der Masse, zu erhalten sucht. Ich mußte mit Betrübnis
und Befremden hören, daß die Wahlreden, die ja zum
größten Teil gedruckt sind, die Preßerzeugnisse, die auf die
Wahlen hinwirkten, gerade an die Leidenschaft der unteren
Klassen, der Masse, appellierten, um sie zu erregen gegen die
Regierung; daß dagegen nichts geschah, um irgendein von
seiten der Regierung vorgekommenes Versehen zu entschuldigen,
sondern daß man alles, was man an unserer Regierung wie
an jeder nach menschlicher Unvollkommenheit tadeln kann, sehr
scharf beleuchtete. Aber etwas Gutes über die preußische Regierung,
etwas, was zur Anerkennung derselben aufforderte,
habe ich in diesen Wahlreden nie gelesen. Nichtsdestoweniger
mußte man nach dem Zeugnisse der Herren annehmen, daß die
altpreußischen Einrichtungen — altpreußisch ist nicht die rich-