166 Grundbedingungen des Wiederaufstieges.
Wenn allmählich auch der deutsche Arbeiter die Richeigkeit dieses Satzes erkennt,
dämmert ihm möglicherweise, in welches Lügennetz ihn die Schwarz'rot“
goldenen eingesponnen haben, als sie mit ihren Sprüchen von dem „Genossenschaftsgedanken
im Völkerleben“, von der „Solidarität der Proletarier aller Länder“
und ähnlichem seine Sinne umnebelten. Freiheit, Frieden und Brot haben ihm
seine Führer versprochen, und Knechtschaft unter Fremden, Kriegszustand im eigenen
Land und mit aller Welt und Verewigung des Hungers hat er geernlet. Hier hätte
die nationale Erziehung einzusetzen. Der deutsche Arbeiter steht in den nächsien
Jahrzehnten vor der Wahl, die Kriegsentschädigungen entweder dauernd mit
Sklavenarbeit und Entbehrungen oder mit Blut und Eisen zu bezahlen. Dabei
kann dahingestellt bleiben, ob der Blutzoll wirklich zu entrichten wäre oder ob
der Wechsel darauf genügte. Sir Douglas Haig hielt nach der „Daily News“
(Deutsche Allgemeine Zeitung 336, 16. VII. 10.) am 15. Juli in Aberdeen eine
Rede, in der er erklärte, jeder heranwachsende junge Engländer müsse im Ge“
brauch des Gewehres unterwiesen werden, damit, wenn die nächste Probe
komme, wie sie eines Tages sicher kommen werde, England eine Nation in
Waffen sei, bereit und vorbereitet, um sich dieser Probe gewachsen zu zeigen.
In den an Polen abgetretenen Provinzen wird sofort die Militärpflicht eingeführt
werden; wahrscheinlich werden sechs Jahrgänge eingezogen. Von den Tschechen ist
in Böhmen und Mähren die Aushebung von fünf Jahrgängen anbefohlen und wird
mit größter Strenge durchgeführt (Deutsche Allgemeine Jeitung 357, 28. VII. 10.)
Vielleicht kommt der Arbeiter allmählich dahinter, wo die wahren Feinde seiner
„Freiheit“ sitzen, ob unter denen, die ihm, wenn er ihnen gefolgt wäre, Siedlungs“
land, Rohstoffgebiete und eine auf Macht beruhende Weltwirtschaft mit unbe-“
schränkten Erwerbs= und Verdienstmöglichkeiten verschafft hätten, oder unter denen,
denen er gefolgt ist, deren Mund siets von Freiheits= und Volksherrschaftsphrasen
überquoll, und die ihn in die tiefste und schmachvollste Sklaverei gestürzt haben.
Natürlich werden die Schwarz-zrot-goldenen alle Hebel in Bewegung setzen, um
solcher Erkenntnis Licht nicht aufgehen zu lassen. Das Jentrum wird Ergebenheit
in das Gott gewollte Schicksal predigen, zur Buße mahnen, Klöster gründen, die
Erziehung der Katholiken an sich zu reißen und Roms Macht zu stärken suchen. Durch
das Schulkompromiß vom 14. Juli roro haben die grundsatztrenen Sozialdemokraten
die Schulen in den katholischen Ländern den Jesuiten ausgeliefert, für
die sie ja auch sonst immer warm eingetreten sind. In den liberalen nationalen
Städten und den protestantischen Ländern besteht dank der Unterlassungssünden
der Nationalliberalen und der Konservativen kein Gegengewicht; dort wird also
der größere Teil der Schulen den Roten zufallen. Für die so zahlreich zu den
Roten übergegangenen katholischen Lehrer wird es bald wieder vorteilhaft sein,
den Meßnerdienst zu übernehmen. Die Intellektuellen der goldenen Internationale
werden lehren, es sei der hohe Beruf des deutschen Volkes, durch „geistige und
kulturelle“ Leistungen die Welt zu „erobern“; sie und die Roten werden das arbeis
tende Volk mit Wahl= und anderen Rechten, mit „Sozialisierungen“, mit Volks“
herrschaft, mit „gehobener Stellung“ und anderm blauen Dunst über sein Elend
hinwegzutäuschen suchen. Alle drei aber werden wieder einig darin sein, alle
„Schuld“ auf die wirklichen Freunde der Arbeiter zu lenken, die Karholiken gegen
die „proteskantischen Junker“, die Intellektuellen gegen die „alldeutschen“ Machtpolitiker,
die Arbeiter gegen das deutsche Kapital zu verhetzen, in dem alten
Streben, damit das Oeutschtum und seinen wichtigsten Träger, den deutschen
Mittelstand zu treffen und vielleicht endgültig zu Grabe zu tragen.