Full text : Die Hohenzollern und das Reich. Band 3. (3)

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im  Interesse  des  Erbfeindes  der  deutschen  Nation  die  Waffen  gegen  ihre
deutschen  Brüder  zu  führen  und  gegen  das  Interesse  der  eigenen  Nation  zu
kämpfen.

Auch  bei  den  auswärtigen  Mächten  fehlte  das  richtige  Verständnis  für
die  von  den  verbündeten  Monarchen  aufgestellten  großen  Gesichtspunkte.  England,
  auf  dessen  Hilfsgelder  Preußen  bei  seinen  außerordentlichen  Rüstungen
rechnete,  knüpfte  die  Gewährung  derselben  an  die  Bedingung  einer  „völligen
Schadloshaltung  Hannovers  für  den  erlittenen  Verlust  und  einer  zweckmäßigen
Vergrößerung“  und  wurde  dabei  von  dem  Wunsche  geleitet,  daß  „Preußen
auch  künftig  durch  die  Elbe  begrenzt  bleiben  möge.“  Das  Wichtigste,  worauf
es  zur  Zeit  ankam,  einc  sofortige  Landung  an  den  norddeutschen  Küsten,  überließ
  England  dem  Kronprinzen  von  Schweden,  welcher  zwar  mit  Rußland  und
Preußen  in  ein  Bündnis  trat,  sich  aber  bald  als  ein  sehr  übler  und  zweidentiger
  Bundesgenosse  erwies,  der  in  dem  großen  Kriege  nur  seine  eigennützigen
Interessen,  insbesondere  die  Erwerbung  Norwegens  für  Schweden,"“  verfolgte.
So  sah  sich  Preußen  bei  dem  Ausbruche  des  Krieges,  in  dem  es  für  Deutschlands
  Ehre  und  Freiheit  seine  ganze  Existenz  einsetzte,  auf  seine  eigene  Volkskraft
  und  auf  die  Hilfe  Rußlands  beschränkt;  es  sah  seine  hochherzigen  Pläne
für  den  Wiederaufbau  eines  einigen,  freien  Reiches  „aus  dem  ureigenen  Geiste
des  deutschen  Volkes“  durch  die  kleinliche  Kabinettspolitik  Osterreichs  und  durch
den  Abfall  der  Rheinbundstaaten  von  der  deutschen  Sache  gekreuzt  und  war
kaum  in  der  Lage,  die  glänzenden  Verheißungen  der  Proklamation  von  Kalisch
erfüllen  zu  können.

Auch  die  Erwartung,  daß  die  deutsche  Sache  durch  die  materielle  Hilfe
Rußlands  eine  wesentliche  Förderung  erhalten  würde,  ging  nicht  in  Erfüllung.
Zwar  Kaiser  Alexander  hatte  die  edelsten  Absichten;  die  Rolle  eines  Wiederherstellers
  der  Freiheit  und  Unabhängigkeit  der  enropäischen  Staaten  schmeichelte
seinem  Ehrgeiz;  aber  es  gab  eine  starke  Partei  in  Rußland,  welche  meinte,
daß  mit  der  Vertreibung  der  französischen  Heere  von  russischem  Boden  genug
gethan  sei,  und  welche  nur  mit  Unwillen  die  Fortsetzung  des  Krieges  jenseit
der  Grenzen  des  russischen  Reiches  sah.  An  ihrer  Spitze  stand  der  Oberbefehlshaber
  der  verbündeten  Armeen,  Fürst  Kutusow.  Nach  seiner  Ansicht  hätte  Rußland
  Polen  und  Preußen  bis  an  die  Weichsel  nebst  Danzig  und  Thorn  in
Besitz  nehmen  und  behaupten  und  die  anderen  machen  lassen  sollen,  was  sie
wollten.  Es  kam  dazu  —  ein  Moment,  das  vielfach  übersehen  worden  ist  —,
daß  auch  die  russische  Armee  durch  den  Feldzug  von  1812  vollständig  erschöpft
war  und  längerer  Zeit  der  Ruhe  und  Sammlung  bedurfte,  ehe  sie  zur  Wiederaufnahme
  der  Kriegsoperationen  fähig  war,  und  daß  die  Heeresmacht,  über

*  Siehe  S.  336  oben.