Full text: Meyers Großes Konversations-Lexikon. Dritter Teil. (3)

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Südlich von der Scarpe, wo der Angriff wieder durch 
Tanks verstärkt worden war, vermochten die Eng- 
länder zunächst in den Ort Chérisy sowie an einzel- 
nen Stellen bei Riencourt, Bullecourt, südlich von 
der Straße Arras-Cambrai und dicht südlich von der 
Scarpe in unsere Gräben einzudringen. Nördlich von 
der Scarpe gingen Roeux und Fresnoy verloren. 
Aus Cherisy und Roeux wurde der Gegner im Laufe 
des Tages wieder geworfen und dicht südlich von der 
Scarpe zurückgedrückt. Was ihm am Abend von sei- 
nem Anfangserfolge verblieb, war ein etwa 500 m 
breites Nest innerhalb unserer Linie zwischen Rien- 
court und Bullecourt sowie der Ort Fresnoy, der im 
Gegenangriff bis auf den Teil um die Kirche zurück- 
erobert, dann aber erneut an die Eugländer verloren- 
gegangen war. Dagegen wurden die feindlichen Mas- 
sen bei Gavrelle und Oppy, wo sie mit ganz be- 
sonderer Hartnäckigkeit in fünf Stürmen anliefen, 
durch preußische Gardereserve und bayrische Truppen 
immer wieder in stets erneuten Kleinkämpfen von 
Trichter zu Trichter zurlickgewiesen. Was der Gegner 
hier an Toten und Verwundeten verlor, war selbst 
im Rahmen der Arrasschlacht ganz außerordentlich. 
In der Nacht zum 4. Mai dauerten die erbitterten 
Kämpfe fort. Chérisy ging nochmals verloren, wurde 
aber wiederum gesäubert. Bullecourt wurde drei- 
mal, am Morgen des 4. Mai zum vierten Male von 
dichten Infanteriemassen angegriffen. Bergeblich. 
Die Angriffe scheiterten auch hier unter den schwersten 
Einbußen für den Gegner. 
Der Ansturm vom 3. Mai war der letzte in ganz 
großem Stil angelegte Durchbruchsversuch der Früh- 
jahrsschlacht von Arras. Er kann nach der Wucht 
seiner Massenstöße, nach der Erbitterung der Kämpfe 
und nach den außergewöhnlich schweren Verlusten 
des Gegners als Höhepunkt des ganzen An- 
griffsunternehmens gelten. 
In der Folgezeit versuchte der Feind zwar noch 
wiederholt, hauptsächlich unter Ausnützung seiner 
frischer gebliebenen Artillerie, den Anschein der im 
größten Stil einheitlich auf der ganzen Front durch- 
geführten Offensive zu wahren. Tatsächlich war je- 
doch der Augenblick erreicht, wo er zu den Einzel- 
unternehmungen übergehen mußte, die noch bei jeder 
ge. nerischen Offensive den Verzicht auf die Verwirk- 
ng der großen Absichten zu verschleiern hatte. 
Was noch folgte, war das Übergangsstadium bis zu 
dem Zeitpunkte, wo die oberste englische Führung die 
Aussichtslosigkeit der Offensive an dieser Front er- 
kannte und zu einem neuen Entschlusse durchdrang. 
Am 4. Mai setzten die wechselvollen und überaus 
zähen Trichterkämpfe um das Engländernest füdwest- 
lich von Riencourt ein, die bis zum 8. Mai zu keinem 
endgültigen Resultate führten. 
it der Besetzung des hochliegenden Dorfes 
Fresnoy (3. Mai) hatte der Gegner weitreichenden 
Einblick in unsere Stellungen gewonnen. Es galt 
daher, ihm zuvorzukommen, bevor er von dem ihm 
zugesallenen Vorteile Gebrauch machen konnte. Der 
Sturm auf den Ort wurde in der Hauptsache bayr.= 
fränk. Regimentern übertragen, der Zeitpunkt auf 
den 8. Mai festgesetzt. Gleich am 4. Mai wurde mit 
den allgemeinen, am 5. mit den artilleristischen vor- 
bereitenden Maßnahmen begonnen. Nachdem unsere 
Geschütze den zu nehmenden Naum zwei Tage aufs 
kräftigste bearbeitet hatten, erfolgte das Vorbrechen 
der Infanterie frontal gleichzeitig gegen die Ortschaft 
und die anschließenden Linien. Der Sturm führte zu 
I. Kriegsgeschichte 
erbitterten Nahkümpfen in Ort und Umgebung, bei 
denen sich die überlegenheit unserer Infanterie über 
die Engländer bes. im selbständigen Handeln kleiner 
Gruppen in hellstem Lichte zeigte. Das Angriffsziel. 
Dorf und Anschlußlinien, wurde in vollem Umfange 
von 2 km Breite erreicht und gegen alle Wieder- 
eroberungsversuche, die auch am 9. Mai noch an- 
dauerten, gehalten. Neun Offiziere, 400 Mann Ge- 
fangene und viele Maschinengewehre waren neben 
dem taktisch wertvollen Geländegewinn das Ergebnis. 
2. 
Abgesehen von einem lleinen mißlungenen Teil- 
angriffsversuche der Engländer bei Roeux am 9. Mai, 
spielte sich vom 8. bis 11. die Hauptkampftätigkeit im 
Raume Bullecourt - Riencoupxt ab. Sie äußerte sich 
in stets wiederholten Angriffen, hin und her wogen- 
den Handgranatenkämpfen und zähen Aufrollungs- 
versuchen an der Einbruchsstelle. 
Am 11. Mai abends 9,30 Uhr setzten nach plan- 
mäßigem Einschießen und Trommelfeuer starke feind- 
liche Angriffe in dichten Massen gegen die Räume 
Gavrelles-Roeux und Monchy-Chérisy ein. 
Sie brachen im Raume Monchy- Cbreih meist schon 
in unserem Sperrfeuer zusammen. Dagegen gelang 
es dem Gegner, in Roeux Dorf und Bahnhof ein- 
zudringen. Das Dorf wurde im Gegenstoß wieder 
genommen, der Bahnhof verblieb den Engländern. 
In den Morgenstunden des 12. Mai erneuerte der 
Feind sein Trommelfeuer auf der ganzen Front von 
AUcheville bis Quéant. Infanlerieangriffe folgten je- 
doch nur zwischen Gavrelle und Roeux. Sie wurden 
nördlich von Roeux abgewiesen, dagegen führten sie 
von dem höher gelegenen Bahnhof Noeux aus zur 
erneuten Wegnahme des Dorfes. Am Abend des 
12. Mai griffen die Engländer nach stärkster Feuer- 
vorbereitung zwischen Scarpe und Straße Arras- 
Cambrai zweimal an, wurden aber teils im Nah- 
kampf, teils in unserem Feuer blutig abgeschlagen. 
Ein weilerer Nachstoß südlich von der Scarpe bis 
Monchy scheiterte abermals. Unsere Stellungen blie- 
ben unverändert, das Nachlassen der seindlichen Stoß- 
kraft war hier nicht zu verkennen. 
Dagegen war inzwischen die Erbitterung der 
Kämpfe bei Bullecourt aufs höchste gestiegen. Der 
Gegner trug sich offenbar mit der Absicht, von diesem 
Orte aus den Knick unserer Stellung südwestlich von 
Fontaine abzudrücken und so unsere Stellung von 
Süden her zu zerschlagen. Nicht weniger als 12 An- 
geäffe führte er am 11. und 12. Mai gegen das Dorf 
urch. Von Osten, Westen und Süden gleichzeitig 
bedrängt, vermochte die an Kräften weit unterlegene 
Besatzung, die mit bewundernswerter Ausdauer 
focht, gegen Abend des 12. Mai nur noch den Nord- 
ostteil des Dorfes zu halten. Gleichwohl gelang es 
am späten Abend einem preußischen Gardefüsilier- 
bataillon in einem mit größter Bravour durchgeführ- 
ten Gegenstoße, dem Feinde alle erreichten Vorteile 
im Nahkampf wieder abzutrotzen. 
Was der Gegner somit in seinen Angrifsen vom 
11. und 12. Mai erreicht hatte, war lediglich der Be- 
sitz von Dorf und Bahnhof Roeux. 
Die Woche vom 13. bis 20. Mai brachte bei all- 
emein lebhafter Artillerietäligkeit keine größeren 
fanterieangriffe über die Breite der ganzen Front. 
Am 15. Mai eroberten Thüringer Regimenter in 
schneidigem Anlaufe von Norden, Osten und Süden