Nach dem Kriege 163
arbeit heranzuziehen, als ich meine Erfahrungen festlegen sollte. Aber
auch dies wurde von politischer Seite verhindert.
Mit dem Verschwinden des deutschen Nachrichtendienstes brachen alle
Schranken zusammen, die unter militärischer Führung gegen das Ein-
dringen des feindlichen Nachrichtenedienstes in Deutschland errichtet
worden waren. Da nur ein militärischer Abwehrdienst bestanden hatte,
das Heer aufgelöst werden sollte, so glaubte man, dem Ausland über-
haupt nichts mehr verbergen zu brauchen. Darüber hinaus übernahm
Deutschland im Frieden von Versailles die Verpflichtung, über die
wesentlichsten Nachrichten militärischer und wirtschaftlicher Art selbst
Auskunft zu erteilen und mußte die Einsetzung von Uberwachungskom=
missionen in Deutschland dulden.
Mit diesem hielt der gegnerische Nachrichtendienst nunmehr offiziell
seinen Einzug in Deutschland.
Die Gemeinschaft der Siegerstaaten im internationalen Nachrichten-
dienst löste sich mit Kriegsende auf. Nur in Deutschland selbst verfolgten
sie zunächst weiterhin gemeinsam ihre Ziele. Vom Nachrichtenaustausch
und gemeinsamem Auswerten wie vor und im Kriege war keine Rede
mehr. Die Verschiedenartigkeit der Interessen führte auch bald zu ver-
schiedenen Wegen. Die Vereinigten Staaten in Nordamerika zogen sich
aus dem gemeinsamen Nachrichtendienst völlig zurück.
Belgien verlor die Unterstützung Frankreichs. Sein Nachrichtendienst
arbeitet jetzt nicht mehr in dem Umfang mit dem französischen und eng-
lischen zusammen wie im Kriege. Er beteiligt sich selbstverständlich stark
an der Auskundschaftung Deutschlands, soweit Belgien an den politi-
schen und militärischen Vorgängen teilnimmt. Sein Interessengebiet
scheint sich auf das Rheinland, Westfalen, Hannover und Hessen zu
beschränken. Von außerordentlicher Schärfe ist der belgische Nachrichten-
dienst im besetzten Gebiet gegen jede Betätigung nationaler deutscher
Kreise. Er überwacht alle ehemaligen Offiziere und hervorragende Per-
sönlichkeiten.
Frankreich und England beantragten beide 1920 eine Erhöhung der-
Staateomittel für den Nachrichtendienst. Die französische Kammer be-
willigte sie mit der Begründung, daß der Revanchegedanke in Deutsch-
land allmählich stärker werde und man über die Tätigkeit der deutschen
chemischen und Flugzeugindustrie fortlaufend unterrichtet sein müsse.
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