Full text : Archiv für Stamm- und Wappenkunde. 8. Jahrgang. (8)

114  Zweiter  Zeitraum.

Die  Preußen  waren  durch  Infanterie  und  Artillerie  dem  Gegner  überlegen;

die  österreichische  Kavallerie  aber  jagte  die  preußische  des  rechten  Flügels  in  die
Flucht  und  warf  sich  auf  den  linken  Flügel.  Vergebens  versuchte  der  König,  die
Reiter,  die  ihn  mit  fortrissen,  wieder  in  Ordnung  zu  bringen,  wobei  er  sich  der.
größten  Gefahr  aussetzte.  Da  bat  ihn  Feldmarschall  Schwerin,  er  möge  das  Schlachtseld
  verlassen,  um  sich  dem  Staate  zu  erhalten  und  Verstärkungen  herbeizuholen.
Mit  schwerem  Herzen  gab  der  König  den  Bitten  nach,  Schwerin  übernasm  den
Oberbefehl.  Die  preußische  Infanterie  stand  wie  eine  Mauer.  Vermöge  des
eisernen  Ladestockes  konnte  sie  fast  dreimal  so  schnell  schießen  als  die  Osterreicher
—  neunzig  Schüsse  zählten  die  Osterreicher  während  der  Zeit  eines  Vaterunsers  —;
ein  fünfmaliger  Angriff  der  österreichischen  Reiterei  wurde  von  ihr  zurückgewiesen.
Da  nahm  Schwerin  sein  ganzes  Fußvolk  zu  einem  entscheidenden  Stoße  zusammen;
wie  auf  dem  Paradeplatze,  in  schnurgeraden  Linien,  mit  klingendem  Spiel  und
wehenden  Fahnen  gingen  sie  vor  und  warfen  den  Feind  aus  allen  Stellungen.  Der
eiserne  Ladestock  und  die  eiserne  Zucht  des  wegen  seiner  Drillkünste  so  oft  verspotteten
Königs  Friedrich  Wilhelm  hatten  sich  herrlich  bewährt.  »

Der  Sieg  der  preußischen  Waffen  bei  Mollwitz  machte  Osterreichs  Feinde
mutig.  Frankreich  versprach  dem  Kurfürsten  von  Bayern  Geld  und  Truppen
zur  Erlangung  der  Kaiserwürde  und  eines  Teils  der  österreichischen  Erbländer;
  Spanien,  Sardinien  und  Sachsen,  dessen  Kurfürst  August  III.  als
Gemahl  einer  Tochter  Josephs  I.  sich  ebenfalls  Hoffnung  auf  das  habsburgische
  Erbe  machte,  traten  dem  Vertrage  bei,  während  England  und
Holland,  um  das  Gleichgewicht  zwischen  Frankreich  und  Osterreich  zu  erhalten,
  Maria  Theresia  ihre  Hilfe  zusagten.  Friedrich  arbeitete  unterdessen
unablässig  an  der  Verbesserung  seines  Heeres,  besonders  der  Reiterei,  zwang
Brieg  zur  Ergebung,  und  da  Maria  Theresia  sich  immer  noch  nicht  zu
nennenswerten  Zugeständnissen  bequemen  wollte,  schloß  er  mit  Frankreich  den
Vertrag  zu  Nymphenburg.  Er  versprach,  Karl  Albert  als  Kaiser  und  als
König  von  Böhmen  anzuerkennen.  Vereint  wollten  die  Verbündeten  auf
Wien  vorgehen;  Friedrich  fiel  in  Mähren  ein.  Aber  seine  Bundesgenossen
unterstützten  ihn  schlecht;  das  österreichische  Heer,  das  Neipperg  inzwischen
wieder  gesammelt  und  besonders  durch  Zulauf  aus  Ungarn  verstärkt  hatte,
jagte  die  Bayern  und  Franzosen  aus  dem  Lande,  verwüstete  Bayern  und
besetzte  sogar  München.  Nur  Friedrich  schien  dem  habsburgischen  Hause  noch
gefährlich  zu  sein,  schweisten  doch  seine  Husaren  schon  bis  auf  wenige  Meilen
vor  Wien!  Deshalb  wurde  Maria  Theresia  von  ihren  Bundesgenossen  bestürmt,
  diesen  gefährlichen  Gegner  zu  befriedigen;  sie  aber  wollte  noch  einmal
das  Glück  der  Waffen  versuchen  und  sandte  ihren  Schwager,  Karl  von
Lothringen,  gegen  ihn.  Friedrich  zog  sich  vor  der  Ubermacht  nach  Böhmen
zurück;  aber  zwischen  Chotusitz  und  Czaslau  besiegte  er,  wenn  auch  erst
nach  heißem  Kampfe,  das  österreichische  Heer  (17.  Mai  1742).

Unter  Englands  Vermittelung  schloß  Maria  Theresia  1742  mit  Friedrich
den  Frieden  zu  Breslau,  in  welchem  sie  Ober=  und  Niederschlesien
samt  der  Grafschaft  Glatz,  ein  Gebiet  von  40  000  Quadratkilometern  mit
1200000  Einwohnern,  an  Preußen  abtrat.  (Troppau  und  Jägerndorf
sowie  das  Land  südlich  der  Oppa  blieben  bei  Osterreich.)  Unter  dem  Jubel
der  Bevölkerung  kehrte  Friedrich  nach  Berlin  zurück,  bewundert  zugleich  als
Feldherr  wie  als  Staatsmann.

Bald  nach  der  Eroberung  Schlesiens  vergrößerte  Friedrich  sein  Land