Full text : Deutschland und der Weltkrieg.

 

Deutschlands  Stellung  in  der  Weltwirtschaft  97

 

dauernd,  wie  sonst  nur  die  der  Vereinigten  Staaten,  unter  den  Ansporn
eines  stetig  wachsenden  Bedarfs  gestellt  hat.  Für  die  immer  neu  hinzukommenden
  Millionen  mußten  Nahrung,  Kleidung  und  Wohnung  und
vor  allem  auch  Arbeitsgelegenheit  beschafft  werden.  So  werden  Unternehmungslust
  und  Arbeitscifer  im  ganzen  Volke  rege  gehalten,  unablässig
  organisatorische  Aufgaben  wichtigster  Art  neu  aufgerollt,  alle  Bestrebungen,
  die  ansteigende  Arbeitsfülle  durch  Einführung  besserer  Methoden
  zu  mindern,  reich  gelohnt.  Unter  dem  Zwang  dieser  aus  der
gesunden  deutschen  Volkskraft  hervorwachsenden  Aaturtatsachen  sind
der  wissenschaftliche  Geist  und  der  organisatorische  Gedanke  in  alle
Zweige  unseres  Wirtschaftslebens  hineingebracht  worden.

Langsam,  aber  stetig  hat  sich  das  in  der  Landwirtschaft  gezeigt,  die
zur  Zeit  der  Begründung  des  Deutschen  Reichs  unter  den  großen  Zweigen
  des  Wirtschaftslebens  noch  voranstand.  Vor  15  Jahren  konnte
Oeutschland  noch  als  ein  agrarisches  Land  bezeichnet  werden.  Es  deckte
nicht  nur  den  eigenen  Bedarf  an  Nahrungsmitteln,  sondern  gab  auch
noch  von  dem  Aberfluß  seines  Bodens  an  England  ab,  das,  seitdem
es  in  den  langen  napoleonischen  Kämpfen  der  Festlandsvölker  die  Weltherrschaft
  an  sich  gerissen  hatte,  das  Interesse  für  seine  Landwirtschaft,
im  Vertrauen  auf  seine  Flotte,  immer  einseitiger  dem  für  Handel  und
Industrie  unterordnete.  Allerdings  hatte  die  deutsche  Landwirtschaft
bereits  in  der  ersten  Hälfte  des  19.  Fahrhunderts  in  ihrer  Bildung  und
in  ihrem  Betriebe  sich  beträchtlich  gehoben,  aber  sie  hatte  im  wesentlichen
nur  unter  dem  Einfluß  der  starken  Persönlichkeit  eines  Albrecht  Thaer,
des  ersten  erfolgreichen  Begründers  einer  landwirtschaftlichen  Hochschule,
  hier  und  dort  besser  erprobte  Erfahrungssätze  an  die  Stelle  der
alten,  seit  Jahrhunderten  angewandten  gesetzt.  Wäre  die  deutsche  Landwirtschaft
  in  derselben  bloß  empirischen  Weise  weiter  betrieben  worden,
dann  hätte  sie  nicht  den  großen  Bevölkerungszuwachs  auch  nur  zu  einem
erheblichen  Teile  ernähren  können.  ODas  deutsche  Volk  wäre  dann  vor
eine  mißliche  Alternative  gestellt  worden.  Es  hätte  entweder  immer
wachsende  Scharen  mit  fremden  Nahrungsstoffen  ernähren  müssen  und
wäre  damit  in  eine  zunehmende  Abhängigkeit  vom  Ausland  geraten,
deren  Gefahren  der  jetzige  Krieg  ihm  unvergeßlich  gelehrt  hat.  Oder
es  hätte  die  Verbraucher,  die  seine  Sicherheit  bedrohten,  an  das  Ausland
  abgeben  und  damit  nicht  nur  seine  Produktionskraft,  sondern  auch
seine  Wehrkraft  schwächen  müssen.  Die  beiden  unerfreulichen  Auswege
  gewannen  damals  an  praktischer  Gangbarkeit  außerordentlich,  weil
zur  großen  Bevölkerungszunahme  Oeutschlands  sich  in  der  aufkommenden

  überseeischen  Getreidekonkurrenz  eine  zweite  Entwicklung  von  welt-Deutschland
  und  der  Welterieg  7