16. Nov. 1881 Achtundzwanzigstes Kapitel 55
wesen wären, und der hat geantwortet: Nous avons été à la campagne
dans les environs de Danzick.
Am 12. November nachmittags traf der Fürst in Berlin
wieder ein, und am 15. mittags ließ er mich durch einen Brief
Sachsses, den ein Kanzleidiener überbrachte, auf den folgenden Tag,
Mittwoch, um ein Uhr zu sich bescheiden. Ich ging zu rechter
Zeit in sein Palais und wurde um ein Uhr fünfzehn Minuten vorgelassen.
Vorher war Graf Wilhelm bei ihm gewesen, dem er
diktiert hatte. Der Kanzler war im Zivilanzuge und sah rot und
rund aus, begann aber damit, daß er über seine Gesundheit klagte.
Er sei, sagte er, alle fünf Monate seines Urlaubs krank gewesen,
auch in Kissingen, besonders aber in Varzin, wo er große Schmerzen
ausgestanden habe. Es sei das alte Leiden.
Er kam alsdann auf die Wahlen zu sprechen und erklärte,
daß er unter Umständen zurücktreten werde, was er dem Keiser
schon angedeutet habe. „Das Zentrum der Scheibe ist verschoben,“
fuhr er fort. „Das fortschrittliche und sezessionistische Judentum
mit seinem Gelde ist jetzt das Zentrum. Ich wollte erst diese Agitation
für Stöcker als Antisemit nicht, sie war mir unbequem und
ging zu weit. Jetzt aber freue ich mich darüber, daß der Hofprediger
gewählt ist. Er ist ein thätiger, furchtloser, standhafter
Mann und hat ein Maul, das nicht tot zu machen ist. Die Wahlen
haben bewiesen, daß der deutsche Philister noch lebt, der sich mit
Phrasen und Lügen bange machen läßt und irreführen. Er will
nichts vom Schutze der Arbeit gegen das Ausland wissen, nichts
von der Unfallversicherung und Alters, er will keine Erleichterung
der Steuerlast der Gemeinden in Schul= und Armenwesen, er will
wieder Zuschläge zur direkten Steuer. Nun gut, sie können das
haben, aber nicht von mir als Kanzler.“
„Sollten sie das im Ernste wollen, Durchlaucht?“ fragte ich.
„Ich denke, sie haben wie früher nur auf den Köder der Demokraten
gebissen."
„Sie mögen sich unklar sein, nicht wissen, was sie wollen.
Sie haben aber danach gewählt, ihre Vertreter stimmen gegen mich,
und ich muß eine Mojorität zum Regieren haben, die ich so nicht
finde. Es ginge wohl zur Not mit einer Vereinigung der Konservativen
mit den Klerikalen und ihren Anhängseln; aber das Zentrum