Februar 1905. 177
21. Kanalvorlage.
Sitzung des Herrenhauses vom 16. Februar 1905.1)
Am 8. Februar war im Abgeordnetenhause Paragraph 1 der Kanalvorlage,
der insgesamt 334575000 Mark ersorderte, in namentlicher Abstimmung mit 256
gegen 132 Stimmen angenommen worden, desgleichen am 8. Februar der ganze
Gesetzentwurf, wenn auch mit manchen Abweichungen von der Regierungsvorlage,
mit 244 gegen 146 Stimmen. Jetzt stand nun der vom Abgeordnetenhause geänderte
Entwurf zur ersten Beratung des Herrenhauses. Die allgemeine Diskussion
wurde vom Ministerpräsidenten Reichskanzler Grafen Bülow eingeleitet.
Ministerpräsident Reichskanzler Graf von Bülow:
Meine Herren, wenn ich das Wort zu Beginn Ihrer Verhandlungen
ergreife, so bilde ich mir nicht ein, über die wichtige Vorlage, die uns
jetzt beschäftigt, viel Neues sagen zu können. Dazu würde kaum jemand
imstande sein, nachdem der Gesetzentwurf in dem andern Hause des
Landtags seit Jahren von allen Seiten beleuchtet und durchleuchtet
worden ist. Aber ich möchte, bevor die endgültige Entscheidung über
die Kanalvorlage fällt, in aller Kürze ganz sachlich die folgenden Gesichtspunkte
hervorheben.
Es ist seit meinem Amtsantritt mein Bestreben gewesen, die Kanalfrage
auf dasjenige Gebiet zurückzuführen und zu beschränken, dem sie
ihrer Natur nach angehört: auf das Gebiet der technischen, wirtschaftlichen
und sachlichen Erörterungen. Dadurch wird der schwer zu überschätzenden
Wichtigkeit der Frage kein Eintrag getan.
Es handelt sich um eine grundlegende Frage des Verkehrs, um die
Frage der besten Ausnutzung eines von der Natur uns geschenkten Gutes,
die Verbesserung der Transportmöglichkeiten, der Landesmeliorationen usw.
lber alle diese Fragen kann man verschiedener Meinung sein. Man
kann darüber streiten, ob es richtiger ist, Kanäle zu bauen oder Schleppbahnen;
ob die Verbilligung der Transportkosten in dem angestrebten
Grade eintreten wird; ob die wirtschaftliche Annäherung der verschiedenen
Landesteile in dem gewünschten Maße erreichbar ist; ob die für die
Kanalbauten gewählte Trace die richtige ist; ob die Landwirtschaft aus
der Regulierung der Wasserläufe die erhofften Vorteile ziehen wird.
Alle diese Fragen müssen sich nach den besseren sachlichen Gründen entscheiden,
und diese sind nach meiner festen Uberzeugung und nach der
Überzeugung der Mehrheit des Abgeordnetenhauses für die Vorlage der
1) Sten. Ber. d. Verhandl. d. Herrenhaufes 1904/05, 31. Sitzung.
Penzler, Fürst Bülows Reden 2c. II. 12