Full text : Lesebuch für Landwirtschaftliche Winterschulen und ähnliche Anstalten im Königreich Bayern.

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55.  Die  sterreichischungarische  Monartchie

besteht  aus  zwei  Reichshälften,  von  denen  die  eine  das  Kaisertum  Oster—
reich,  die  andere  das  Königreich  Ungarn  begreift.  Der  Gesamtflächeninhalt
  einschließlich  von  Bosnien  und  der  Herzegowina  beträgt  675  000  qkm
mit  einer  Bevölkerung  von  51  Millionen  Einwohnern.  **

Der  Bodengestalt  nach  zeigt  das  Kaiserreich  die  größte  Mannigfaltigkeit,
  doch  ist  es  vorwiegend  gebirgig;  kaum  ¼  des  ganzen  Gebietes  gehört
  der  Ebene  an.  Hauptgebirge  sind  die  Alpen,  die  Karpathen
und  die  Stufenlandschaften  von  Böhmen  und  Mähren.  Von  den  Tiefländern
  nehmen  die  Donaubecken  (Ungarische  Tiefebene,  Wiener
Becken)  und  das  Galizische  Tiefland  den  größten  Flächenraum  ein.

Kein  Staat  Europas  ist  an  Erzeugnissen  aus  den  drei  Reichen
der  Natur  und  an  innern  Hilfsmitteln  zur  Hebung  des  Wohlstandes  so  reich
als  Osterreich-Ungarn.  .

Die  wichtigste  Nahrungsquelle  ist  die  Landwirts  chaft,  weil  durch
sie  etwa  ⅜/  der  Bevölkerung  ihre  wesentliche  Beschäftigung  finden.  Auf
dem  meist  höchst  fruchtbaren  Boden  werden  alle  europäischen  Getreidepflanzen
  in  solcher  Menge  erzeugt,  daß  viel  ausgeführt  werden  kann.  Verhältnismäßig
  am  meisten  Acker=  und  Wiesenland  besitzen  Galizien,  Mähren
und  Böhmen,  dann  in  Ungarn  die  Obere  Ebene  mit  den  Waag=  und  Raabtälern,
  die  Untere  Ebene,  östlich  von  der  Theiß;  außerdem  die  großen  Flußtäler
  der  Donau,  Drau,  Sau  und  Maros.  Man  baut  Weizen  in  Ungarn
und  im  Banat,  Roggen,  Hafer,  Mais  in  der  Bukowina  und  in  Ungarn,  an
der  Sau  Lein  und  Hanf  in  Galizien,  Tabak  vorzüglich  in  Ungarn,  Oliven  in
Dalmatien;  der  Obstbau  ist  sehr  ergiebig;  Hopfen,  der  beste  auf  der  Erde,
wächst  in  Böhmen  und  Galizien.  Für  Weine  und  Weinausfuhr  ist  Ungarn
(Cokay,  Erlau  rc.)  nächst  Frankreich  das  Hauptland;  außerdem  baut  man
Wein  in  Südtirol,  Böhmen,  Osterreich  und  Siebenbürgen.  Die  bedeutenden
Waldungen  liefern  Holz,  Pottasche,  Gerberrinde,  Knoppern,  Terpentin
und  Harz.  Schöne  Eichenwälder  stehen  an  der  Drau  und  Sau.  Die  Viehzucht
  ist  in  den  Alpen,  in  Böhmen  und  Ungarn  vorzüglich.  Die  meisten
Pferde  haben  Ungarn  und  Galizien;  ausgezeichnetes  Rindvieh  trifft  man  in

en  Alpen,  in  Ungarn,  Galizien  und  Böhmen;  Geflügel=  und  Bienenzucht
wird  überall  getrieben;  den  feinsten  Honig  liefern  Siebenbürgen  und  Kärnten.
Der  Seidenbau  erfreut  sich  in  Tirol  und  Siebenbürgen  einer  eifrigen  Pflege.
Die  Jagd  ist  noch  immer  bedeutend,  obwohl  in  der  Abnahme.  Von  großer
Bedeutung  ist  die  Industrie  in  Flachs,  Hanf,  Schaf=  und  Baumwolle,
Leder  und  Lederwaren,  Rübenzuckererzeugung,  Bierbrauerei  und  Branntweinbrennerei.
  Blühende  Eisenindustrie  findet  sich  in  Steiermark.  An
Mannigfaltigkeit  der  Erze  und  anderer  Mineralien  wird  Osterreich  von
keinem  europäischen  Staate  übertroffen.

Ungarn  ist  größtenteils,  besonders  in  der  Mitte,  Flachland,  das  im
TNorden  und  Osten  von  den  Karpathen,  im  Südwesten  von  den  Ausläufern
der  östlichen  Alpen  begrenzt  wird.  Die  geographische  Lage,  noch  mehr  aber
die  Form  seiner  Oberfläche  machen  es  zu  einem  im  allgemeinen  klimatisch