Full text : Archiv für öffentliches Recht.Zwölfter Band. (12)

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auch  dem  Bundesratsbeschluss  gegenüber  zu  völlig  freier  Entschliessung
  befugt.  Natürlich  wird  er  von  derselben  nur  dann
Gebrauch  machen,  wenn  er  nachträglich  seine  Ansicht  geändert
hat.  Einen  Entwurf,  den  er  von  vorn  herein  nicht  annehmen
will,  wird  er  dem  Bundesrat  gar  nicht  vorlegen.

Die  Entstehung  des  Vertragsgesetzes  ist  also  an  die  Zustimmung
  eines  dritten  Reichsorganes  gebunden,  welches  anderen
Gesetzen  gegenüber  nie  ein  formelles  Veto  hat.  Das  ist  jedoch
keineswegs  ungeheuerlich.  Wirken  doch  die  ordentlichen  gesetzgebenden
  Faktoren  auch  hier  mit.  Es  sind  nicht  ganz  verschiedene
Organe  in  dem  einen  und  in  dem  anderen  Falle  zur  Gesetzgebung
  berufen.  Weit  eigentümlicher  ist  die  Landesgesetzgebung
für  Elsass-Lothringen  geregelt:  Liandesgesetze  können  hier  entweder
  im  Wege  der  Reichsgesetzgebung  oder  vom  Kaiser  mit
Zustimmung  des  Bundesrats  und  des  Landesausschusses  erlassen
werden  °?,

Vielleicht  trägt  LABAnps  Lehre  von  der  Sanktion  der  Reichsgesetze
  durch  den  Bundesrat  die  Schuld  daran,  dass  man  bisher
die  staatsrechtliche  Kompetenz  des  Kaisers  zur  Mitwirkung  bei
der  Schaffung  von  Vertragsgesetzen  nicht  genügend  gewürdigt
hat.  Wer  einmal  die  Sanktion  für  ein  begrifflich  wesentliches
Merkmal  des  Gesetzes  erachtet,  wird  nicht  geneigt  sein,  die
Kompetenz  hierzu  verschiedenen  Staatsorganen  zuzuschreiben.  Wie
schon  betont  wurde,  ist  aber  von  dem  hier  vertretenen  Standpunkte
  aus  die  Sanktion  der  Vertragsgesetze  durch  den  Bundesrat
nicht  anzunehmen.  Und  dabei  befinden  wir  uns  im  Einklang  mit
Art.  11  Abs.  3  der  Reichsverfassung;  nach  diesem  ist  der  Kaiser
nicht  dem  Bundesrate  untergeordnet,  sondern  in  erster  Linie  zum
Handeln  berufen  und  nur  in  gewissen  Fällen  an  die  Zustimmung
des  Bundesrats  gebunden.  Dieses  Verhältnis  muss  man  geradezu

?9  Reichsgesetz  vom  2.  Mai  1877,  R.-G.-Bl.  S.  491.  Vgl.  GEore  MEYER,
Der  Anteil  der  Reichsorgane  an  der  Reichsgesetzgebung,  Jena  1889,  S.  80  ff.
Lasanp,  8  69  S.  729  ff.