Full text: Das Goldene Buch des Deutschen Volkes an der Jahrhundertwende.

  
Fandel und @ewerbe. 
  
Mach jahrhundertelangen Kämpfen um die geistigen und religiösen Güter der einzelnen Bürger und um die politischen 
U ZRechte der einzelnen $tände hai das 19. Jahrhundert wie für andere Länder so auch für Deutschland den Kampi der mM 
einzelnen Erwerbsklassen um die materiellen Interessen in den Vordergrund geschoben. Die materiellen Interessen sind es, in den 
die heute in der Tiefe die Bewegungen der politischen Parteien bestimmen, und sie sind es, die auch auf der Oberfläche Interessen 
des öffenilichen Lebens am heissesten in Brandung geraten. vertreiungen 
Der nach aussen sich geschlossen darbietende wirtschaftliche Organisınus des Deutschen Reiches bietet im Innern keineswegs von Kandel 
das gleiche Bild. Neben der auch in anderen Industriestaaten mit ähnlicher Beftigkeit bervortretenden Gegensätzlichkeit der und Gewerbe 
Interessen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer, zwischen Grosskapital und Kleinkapital, zwischen Konsumenten und von 
Produzenten sind es die Interessenkonflikte zwischen den einzelnen Erwerbsgruppen selbst, welche heute anscheinend jeder Regierungs- 
Ausgleichung unter der böberen Idee des nationalen Gemeinwohls widerstreben. Deutlich erkennbar haben sich im Laufe rat Dr. 
unseres Jahrhunderts die Interessen massenweise gegliedert, und der Staat selbsi bat der Entwickelung folgen und den $tegemann. 
wichtigsten Inieressenvereinigungen staatliche Form geben müssen. Die staafliche Organisalion des Bandels und der 
Industrie, des Handwerks und der Landwirtschaft in Handels- und Gewerbe, Bandwerks- und Landwirtschaltskammern war 
der äussere Ausdruck der sich vollziebenden Entwickelung. Der Staat brauchte diese Organisationen Selbst, wenn er sich 
seinen Einiluss auf die Interessengruppen sichern wollte. Seine wiederholten Versuche, in Volkswirtschaflsräten u. äbnl. 
Zentralorganisalionen die gesamten gewerblichen Interessen zum Ausgleihe zu bringen, mussten steis scheitern, weil sie die 
Entwickelung nicht in ihrer Tiefe, sondern mur auf der Oberfläche erlassien. 
Solange die deutschen Bundesstaaten in der Bauptsache Ackerbau treibende Staaten waren, solange sich noch die Umbildung 
des Deutschen Reiches zum Industriestaale vorbereitete, irat einer der schärfsten Gegensätze, welche die wirischaftliche 
Zusammenarbeit unseres Volkes am Ausgange dieses Jahrhunderts in immerwährende Konflikie bringt, der Gegensatz 
zwischen Landwirtschaft einerseits, Bandel und Indusirie anderseits, nichl zu Cage. Die Entwickelung unserer Industrie 
und die damit verbundene pekuniäre Leistungsfäbigkeit der. von ihr beschäftigten Massen bat ihr eine reale Machistellung 
gegeben, die selbst das Gewicht der bis dahin als Fundament des Staates angesehenen Landwirlschaft dagegen zurücktreten 
liess. — Die Chatsache, dass unsere Einfuhr heute fast zu 2/5 aus Rohstofien, unsere Ausfuhr fast zu 2/3 aus Fabrikaten 
besteht, lässt darüber keinen Zweifel mehr zu, dass wir im Umbildungsprozesse zum Indusiriestaat begrilfen sind. Wichlige 
Industriezweige, wie z. B. die Zucer-, Maschinen, Farbwarenindustrie, die Weberei, die Eisenverarbeitung, sind mit ihrer 
Produktion in einem solchen Umfange an der Ausiubr beteiligt, dass die Frage der Exportmöglichkeit Tür ihre Lage geradezu 
entscheidend ist. Unsere stark anwachsende Bevölkerung in ihren gegenwärtigen Lebensansprüchen, ohne eine im gleichen 
Schrille zunehmende Industrie zu emäbren, ist ebenso unmöglich wie die Deckung der verhältnismässig noch stärker 
wachsenden Ausgaben des Reiches und der einzelnen Bundesstaaten bei einem Rückgange unserer Industrie gewährleistet 
sein würde. Daher ist das Reich um seiner selbst willen geradezu gezwungen gewesen, der industriellen Entwickelung 
so weit die Bahnen freizumachben, als es .die entgegenstehenden Interessen der Landwirtschaft irgendwie zulassen. Das aber 
ist eben das Cragische in dem Uerbälinisse dieser beiden Baupfnahrungszweige unseres Volkes, dass die beiderseiligen 
Interessen einander beinabe ausschliessen. Gerade diejenigen unserer ausländischen Absatzgebieie, in die wir unsere 
    
  
  
  
Wirtschafisieben 55