Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887. (28)

Das  deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (März  23.—24.)  103

Verhältnisse,  sondern  erstreckt  sich  auch  auf  die  äußeren;  daß  z.  B.  unser
Verhältnis  zu  Oesterreich  besser  sein  wird,  wenn  wir  keine  katholischen  konfessionellen
  Streitigkeiten  haben  werden,  liegt  auf  der  Hand.  Wenn  man
mir  einwendet,  der  konfessionelle  Frieden  verbürge  nicht  den  Frieden  im
Lande,  so  verweise  ich  auf  die  letzten  Vorgänge  bei  den  Wahlen;  die  Devise
des  Zentrums:  entweder  alles  oder  gar  nichts,  ist  falsch.  Wenn  einerseits
Papst  Leo  XIII.  für  den  Frieden  eintritt  und  andrerseits  das  Zentrum  und
eine  Anzahl  demokratifierender  Geistlicher  sich  dem  Willen  des  Papstes  entgegensetzt,
  so  ist  mir  der  Sieg  des  Papstes  über  kurz  oder  lang  gar  nicht
zweifelhaft,  wenn  die  Wähler  erst  wissen,  was  der  Papst  will.  Bis  jetzt
werden  sie  noch  im  Dunkeln  darüber  gehalten.  Die  demokratische  Priesterrepublik
  wird  hinfällig  werden  und  der  Papst  Sieger  bleiben;  in  diesem
Kampfe  müssen  wir  den  Papst  im  Interesse  der  öffentlichen  Ordnung  unterstützen.
  Die  Fortschrittspartei  ist  eine  gute  Vorfrucht  der  Sozialdemokratie,
wenn  die  letztere  aber  noch  alle  die  zentrifugalen  klerikalen  Elemente  in  ihre
Hände  bekommt,  so  wird  sie  damit  noch  viel  mehr  Mittel  gewinnen,  die
staatliche  sowohl  wie  die  päpstliche  Autorität  zu  untergraben.  Die  Sozialdemokratie
  wird  dann  ihre  Mutter,  die  Fortschrittspartei,  verdrängen;  denn
die  Leute,  welche  fortwährend  einen  Raub  an  der  Autorität  begehen,  schaffen
nur  eine  Lücke,  in  welche  die  misera  contribuens  plebs,  die  Sozialdemokratie,
  eintritt.  Wir  halten  es  für  vollständig  gleichbedeutend,  ob  die  Unterwühlung
  der  Autorität  von  geistlicher  oder  von  weltlicher  Seite  ausgeht;
wir  müssen  gegen  beide  gleichmäßig  Front  machen.  Von  diesen  Anschauungen
bin  ich  ausgegangen,  wenn  ich  dem  jetzigen  hohen,  weisen,  friedliebenden
Papste  gegenüber  mich  nachgiebiger  gezeigt  habe,  als  vielleicht  vielen  lieb  ist.
Die  Macht  des  Hrn.  Windthorst  beruht  ja  nur  auf  dem  Bündnis  mit  der
Fortschrittspartei;  nach  Beseitigung  dieses  Bündnisses  wird  auch  der  Windthorst'sche
  Druck  schwinden.  Wir  dürfen  uns  aber  nicht  einer  leichtfertigen
Hoffnung  für  die  Zukunft  hingeben;  wer  weiß,  ob  die  jetzige  Majorität  nach
drei  Jahren  wiederum  zu  stande  kommt;  wer  bürgt  uns  dafür,  daß  nicht
etwa  nach  drei  Jahren  eine  neue  Verleumdung  gegen  die  Regierung  auftritt,
und  außerdem  könnte  ich  auch  aus  der  jetzigen  Majorität  keine  Berechtigung
entnehmen,  dem  Papste  in  dem  nicht  Wort  zu  halten,  was  ich  ihm  früher
versprochen  habe.  (Bravo!)  Wir  hatten  früher  zu  dem  katholischen  Episkopat
  ein  besseres  Vertrauen;  jetzt  läßt  der  Landsmann  den  Landsmann  im
Stich,  und  wir  müssen  die  Hilfe  des  Chefs  der  katholischen  Geistlichkeit  gegen
die  letztere  selber  anrufen.  Wenn  wir  aber  erst  den  Frieden  mit  dem  Papste
haben,  brauchen  wir  das  Zentrum  nicht  mehr  zu  fürchten;  ich  fürchte  das
letztere  überhaupt  nicht.  (Heiterkeit.)  Der  Kampf  mit  dem  bloßen  Zentrum
wird  austrocknen,  wie  die  Hochflut  nach  dem  Gewitter.  Wenn  Kaiser  und
Papst  einig  sind,  so  können  wir  diesem  Kampfe  mit  Ruhe  entgegensehen.
Um  nun  zu  dieser  Ruhe  zu  gelangen,  möchte  ich  das  hohe  Haus  bitten,  der
Vorlage  und  denjenigen  Amendements,  welche  der  Herr  Kultusminister  vor
Ihnen  befürworten  wird,  zuzustimmen.  (Lebhaftes  Bravo,)

Am  folgenden  Tage  erklärt  sich  Miquel  für  die  Vorlage;
nachdem  in  der  Spezialdebatte  das  Gesetz  im  wesentlichen  in  der
Fassung  der  Kommission  angenommen  worden,  gibt  Bischof  Kopp

folgende  Schlußerklärung:

Die  Entscheidung  für  oder  gegen  die  Vorlage  fällt  mir  außerordentlich
  schwer;  stimme  ich  für  das  Gesetz,  so  bringe  ich  mich  in  Gegensatz  zu
einem  großen  Teile  der  katholischen  Bevölkerung,  stimme  ich  dagegen,  so
trete  ich  in  Gegensatz  zu  meinen  Kollegen,  welche  in  manchen  Punkten  durch