Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Dritter Jahrgang. 1887. (28)

266  Vie  Oefterreithisch-Angarische  Monarthie.  (Dezember  7.  —8.)

päischen  Bündnisses  schon  in  diesem  Augenblicke  genötigt  würden,  das  Gewicht
  ihres  Wortes  in  die  Wagschale  zu  werfen.  Wir  konstatieren  nur,  daß
ein  solcher  Schritt,  wie  sehr  auch  jede  Macht  in  ihren  offiziellen  Kundgebungen
  ihre  Friedensliebe  beteuern  mag,  der  Aufwerfung  der  Frage  von
Krieg  oder  Frieden  sehr  nahe  kommt.  Trotz  der  zahlreichen  alarmierenden
Nachrichten  muß  man  bei  den  friedlichen  Tendenzen  der  vereinigten  Bemühungen
  der  Kabinete  glauben  und  hoffen,  daß  sie  eine  Modalität  finden  werden,
um  jene  abnorme  Situation  zu  beseitigen,  welche  durch  die  aufgetauchten  besorgniserregenden
  Thatsachen  geschaffen  wurde.

Die  „Budapester  Korrespondenz“  von  demselben  Tage  meldet:

Jene  gfrößereren  Truppenbewegungen  und  anderseitigen  Vorkehrungen
militärischer  Natur  in  den  an  Oesterreich  grenzenden  Teilen  Rußlands,  die
schon  zu  Beginn  des  heurigen  Jahres  unsere  Heeresverwaltung  zu  den  bekannten
  militärischen  Rüstungen  und  Vorsichtsmaßregeln  veranlaßt  hatten,
haben  nach  vielseitigen  Meldungen  in  den  letzten  Wochen  neuerdings  an
Umfang  zugenommen,  und  die  der  uns  verbündeten  deutschen  Regierung
nahrsteszender  Blätter  haben  namentlich  darauf  aufmerksam  gemacht,  daß  jetzt  in
der  Nähe  Galiziens  dreimal  soviel  russische  Truppen  konzentriert  sind,  als
in  dem  ähnlichen  Gebietsraum  Truppen  der  österreichisch-ungarischen  Armee
disloziert  sind.  So  sehr  diese  durch  nichts  motivierten  und  erklärten  russischen
Truppenbewegungen  unsere  Aufmerksamkeit  zu  erregen  auch  im  Stande  sind,
können  dieselben  doch  unmittelbar  zu  keiner  ernsteren  Besorgnis  Anlaß  geben,
da  das  Mißverhältnis  der  auf  beiden  Seiten  der  Grenze  in  gleicher  Distanz
garnisonierenden  Truppenzahl  keineswegs  ein  so  großes  ist,  wie  dies  zum
Beispiel  die  Kölnische  Zeitung  angeführt  hat.  Unsere  Heeresverwaltung  hat
stets  in  gewissenhafter  Weise  Vorsorge  getroffen,  um  speziell  im  Norden  der
Monarchie  keinen  Ueberraschungen  ausgesetzt  zu  sein.  Dies  bewies  ja  eben
der  geforderte  außerordentliche  52⅛-Millionen-Kredit.  Die  Heeresverwaltung
  ist  auch  in  Folge  dessen  nicht  gesonnen,  für  jetzt  außergewöhnliche  weitere
  Vorkehrungen  zu  treffen,  respektive  irgend  einen  neuerlichen  außerordentlichen
  Kredit  anzusprechen.  Es  wäre  hiefür,  da  der  nicht  verwendete  Rest
des  52⅛½-Millionen-Kredits  bekanntlich  im  Sinne  der  jüngsten  Delegations-Beschlüsse
  der  gemeinsamen  Regierung  nicht  mehr  zur  Verfügung  steht,  die
Einberufung  einer  außerordentlichen  Delegations-Session  notwendig,  was
jetzt  keineswegs  in  Aussicht  genommen  ist.

Die  „Revue  de  I'Orient“  vom  nächsten  Tage  meldet  folgende,
„von  befreundeter  diplomatischer  Seite  ihr  zugegangene  wörtliche
Aeußerung  eines  hochgestellten  diplomatischen  Vertreters  einer  mit
Oesterreich-Ungarn  alliierten  Großmacht":

„Nach  den  letzten  authentisch  bekannten  Aeußerungen  des  Zars  ist  das
Vertrauen  in  dessen  derzeitige  persönliche  Friedensabsicht  jetzt  immer  noch
gerechtfertigt.  Hiezu  kommt  die  Thatsache,  daß  weder  vom  politischen  noch
vom  militärischen  Standpunkte  für  einen  jetzigen  Angriffskrieg  seitens  Rußlands
  eine  vernunftgemäße  Basis  vorhanden  ist.  Schließlich  spricht  am
meisten  noch  für  die  jetzige  Erhaltung  des  Friedens,  daß  dem  Zar  Alexander
in  präziser  und  offizieller  Form  folgende  seststehende  Thatsache  betreffs  des
casus  foederis  der  Alliierten  bekannt  wurde:  Im  Falle  eine  der  verbündeten
  Großmächte  von  einer  andern  angegriffen  wird,  hat  ein  solcher  Angriff,
gleichviel  welche  Anfangsrichtung  derselte  nimmt,  die  sofortige  Konsequenz,
daß  die  deutsche  Regierung  keinen  Moment  mehr  von  politischen  Erwägungen
beeinflußt  sein  kann,  sondern  der  gesamte  weitere  Vorgang  ausschließlich