164 Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Dezember 10.)
wenn ein Wagen zwölf Jahre in einem Geleise gegangen ist, in ein anderes
Geleise zu kommen, selbst wenn das andere dicht neben dem ersten liegt. Es
ist deshalb für die Wirksamkeit der Verträge ein längerer Zeitraum ins
Auge gefaßt worden.
Noch ein anderes Motiv sprach dafür: der Wunsch, den Betrieben
der Landwirtschaft und der Industrie diejenige Stetigkeit zu geben, deren sie
unbedingt bedürfen. Darüber stimmt alles, was über Industrie geschrieben
ist, von den wiffenschaftlichen Werken bis zu den Berichten der Handels-
kammern überein: die erste Forderung für jede Industrie ist, daß sie mit
längeren Zeiten rechnen kann, daß sie weiß, worauf sie sich einzurichten hat;
werden ihr solche längere Zeiten gegeben, so findet sie Mittel und Wege,
den Anforderungen gerecht zu werden.
Wenn auch nicht in so hohem Grade, gilt das auch von der Land-
wirtschaft. Einmal ist die Landwirtschaft heutzutage selten ein ganz isoliertes
Gewerbe; sie ist vielfach mit der Industrie verbunden, sie hat auch die
Schwierigkeit zu überwinden, daß sie in der Regel ihr Kapital jährlich nur
einmal umsetzt, während die Industrie an einen häufigeren Umsatz gewöhnt
ist. Aber auch die Landwirtschaft muß wissen, wie sie auf ihren Betrieb
sich einrichten kann; sie muß ungefähr auf eine Reihe von Jahren hinaus
wissen können, wie sich die Preise, soweit sie überhaupt vorher zu übersehen
sind, gestalten werden.
Dies sind die Motive, die die verbündeten Regierungen veranlaßt
haben, von dem bisherigen Wege abzugehen, zu dem Abschluß von Tarif-
verträgen überzugehen und für diese Tarife eine zwölfjährige Dauer fest-
zusetzen.
Es bleiben nun noch einige Wirkungen der Verträge zu erwähnen
und einige Bedenken zu berichtigen, die in der Presse bereits hervorgehoben
sind. Es ist sehr natürlich, daß man sich fragt: wie wird denn die Wir-
kung dieser Verträge auf unsere Finanzzölle sein? jeder Mensch weiß, daß,
wenn man die Zölle herabsetzt, eine Verminderung der Einnahmen des
Reiches, wenigstens zunächst, entstehen muß. Es sind Beilagen der Denk-
schrift angefügt, die es erleichtern, sich eine Uebersicht darüber zu verschaffen,
wie die vorgeschlagene Herabsetzung auf die Finanzzölle wirken würde. Man
wird im allgemeinen annehmen können, daß, wenn man nur die Wirkung,
welche die Verträge, wie sie jetzt vorliegen, auf unsere Finanzzölle haben
würden, ins Auge faßt, dann ein Ausfall von etwa 9 Millionen Mark
jährlich in den Einnahmen des Reiches entstehen würde. Geht man weiter,
und begreift man diejenigen Staaten mit ein, die dadurch, daß sie das Recht
der Meistbegünstigung haben, von diesen Maßregeln ohne weiteres Vorteil
seben würden, so würde der Betrag sich auf 17 bis 18 Millionen Mark
tellen.
Man hat weiter an uns die Frage gerichtet: wie wird es denn mit
der differentiellen Behandlung anderer Staaten? Es liegt auf der Hand,
daß diejenigen Staaten, die das Recht der Meistbegünstigung noch über den
1. Februar nächsten Jahres hinaus genießen, ohne weiteres in die Meist-
begünstigung auch den neuen Vereinbarungen gegenüber eintreten werden.
Es kommt dann eine Reihe von Staaten, mit denen wir neue Verträge ab-
schließen müssen; da wird das Bestreben der verbündeten Regierungen dahin
gehen, nichts zu geben, ohne gleichwertige Konzessionen zu bekommen.
Es bleiben dann übrig Amerika und Rußland. Ueber Rußland zu
sprechen scheint mir zur Zeit entbehrlich. Der beklagenswerte Notstand, der
die russische Regierung genötigt hat, eine Sperre für Getreide eintreten zu
lassen, wird voraussichtlich nicht so bald gehoben werden; und so lange der
Notstand nicht gehoben ist, hat es keinen Wert, sich die Frage vorzulegen,