144 Bas Dentsche Reich und seine einzelnen Glieder. (November 4.)
zu einer Art von „Strafbayern" gemacht werden, in welchem Ansehen
werden diese Leute in Zukunft bei den Rekruten stehen? Zetzt betrachtet der
Rekrut sie mit Achtung, als die im Dienst Erfahrensten, welche statt der
Unteroffiziere die Rekruten militärisch ausbilden. In Zukunft sehe er in
den Leuten, die ihn ausbilden, in den Dreijährigen, nur Leute mit einer
Nota levis maculae, Leute, die wegen ihres schlechten und straffälligen Verhaltens
länger als zwei Jahre bei der Fahne festgehalten sind.
„Endlich, wie soll die ungeheuere Mehrausgabe von wahrscheinlich
90 Millionen jährlich, welche die Militärvorlage verlangen würde, aufgebracht
werden? Diese Frage findet keine Antwort in dem Entwurfe und
dessen Begründung. Eines nur ist gewiß: durch Matrikularbeiträge ist das
nicht zu machen; die Einzelstaaten sind dazu nicht im stande, und der bloße
Versuch schon, ihnen eine so große Mehrbelastung aufzubürden, würde eine
Mißstimmung im ganzen Reiche hervorrufen, die der nationalen Sache äußerst
gefährlich wäre."
„Die Mängel unserer jetzigen militärischen Einrichtungen erkenne ich
vollständig an. Sie bestehen aber nicht in einer zu kleinen Zahl der Mannschaft,
im Vergleich zu der Zahl der Mannschaften in Frankreich und Rußland,
sondern in einer zu geringen Zahl von Unteroffizieren, Offizieren und
Friedenspferden, namentlich bei der Artillerie. Es wäre meines Erachtens
die richtige Lösung der ganzen Frage, die hier aufgeworfen wird, daß der Reichstag
nicht etwa die Vorlage unbedingt ablehnt, sondern sich bereit erklärt, diesen
wirklich vorhandenen Mängeln unserer Heeresverhältnisse abzuhelfen, sobald
man ihm die richtigen Quellen nachweist, aus welchen die Mehrbedürfnisse
für diese Verbesserungen entnommen werden können, ohne die Einzelstaaten
des Reiches unerträglich zu belasten. Diese Notwendigkeit: erst die Quellen
für neue Steuern zur Deckung der Militärlasten nachzuweisen, ehe die erhöhten
Militärbedürfnisse bewilligt werden können, hat namentlich Migquel
genauer nachgewiesen.“
Auf eine nach dieser Auseinandersetzung seitens eines der Anwesenden,
des Amtsrichters Dr. Kind, an den Fürsten gerichtete Frage, ob er nicht in
diesem Sinne seine gewichtige Stimme im Reichstage vernehmen lassen und
abgeben wolle? Dort könne der Fürst wohl den Krystallisationspunkt für
die große Mehrheit bilden, rief der Fürst:
„Nein! Da kennen Sie die Mehrheit des jetzigen Reichstags nicht!
Die Mehrheit würde mich meiden wie einen Pestkranken. Ein Hamburger
Cholerakranker wäre im Vergleich zu mir eine begehrte Persönlichkeit. Die
Allermeisten würden die Befürchtung hegen, daß der Umgang mit mir sie
der Einladung zu Hofe beraube, der Beförderung ihrer Söhne nachteilig
sei — und was sich die Leute sonst einbilden würden. Außerdem würde
ich im Reichstag einige Stunden warten können, bis ich zu Worte käme
und dann nochmals einige Stunden, ehe ich meinen Gegnern antworten
könnte. — Der Schmutz, mit dem mich meine Feinde bewerfen würden,
wäre mir zwar ganz gleichgültig. Mein Erscheinen in Berlin brächte mir
aber die größten Unannehmlichkeiten: das Leben im Hotel. Auch kann ich
dort ohne Belästigung nicht auf der Straße gehen. Ich müßte aber vor
allem als Offizier, der ich ja doch bin, in Uniform im Reichstag erscheinen
und, voraussichtlich als der einzige Offizier des Hauses, dem Ministerium
Sr. Majestät Opposition machen. Das möchte ich nicht ohne äußerste Not.
Wenn die aber vorläge, würde ich im Reichstag erscheinen."“
Der Fürst kam hierauf bei einem geschichtlichen Rückblick, zu welchem
ihn mehrere gestellte Fragen führten, auch auf die Friedensverhandlungen
des Jahres 1866 und die Gründung des norddeutschen Bundes zu sprechen
und entwickelte in sehr interessanten und teilweise neuen Ausführungen die