Full text : Europäischer Geschichtskalender. Neue Folge. Vierundzwanzigster Jahrgang. 1908. (49)

212  Das  Deutsche  Reich  und  seine  einzelnen  Glieder.  (November  19.)

natürlich  ziemlich  schwierig,  weiß  man  doch,  wie  sehr  die  Schätzungen  und
der  wirkliche  Bedarf  von  einem  Jahre  zum  andern  schwanken,  um  wie  viel
mehr  für  einen  längeren  Zeitraum,  spielt  doch  dabei  nicht  nur  die  Schwankung
  der  Konjunktur  mit,  sondern  auch  andere  Momente  spielen  mit,  die
auf  länger  hinaus  gar  nicht  zu  ermitteln  sind.  Das  Reichsschatzamt  hat
versucht,  sich  zunächst  auf  Grund  der  bisherigen  Erfahrungen  und  bisherigen
  Steigerungen  ein  wahrscheinliches  Bild  für  die  Zukunft  zu  machen.
Unter  Zugrundelegung  der  Zahlen  des  Etats  für  1909  und  unter  Berücksichtigung
  der  indirekten  Einwirkung  dieses  Etats  auf  die  folgenden  Jahresind
  wir  zu  der  Ansicht  gekommen,  daß  der  Mehrbetrag  von  205  Millionen
für  1909  sich  auf  257  Millionen  im  Jahre  1913  steigern  wird.  Dabeisind
  die  von  den  verbündeten  Regierungen  übernommenen  jetzigen  festen
Matrikularbeiträge  von  24  bis  25  Millionen  nicht  abgerechnet.  Nach  der
gedruckten  Begründung  könnte  es  den  Anschein  haben,  als  wollten  die  verbündeten
  Regierungen,  daß  diese  Zahlen  auf  Treu  und  Glauben  hingenommen
  werden.  Das  ist  natürlich  nicht  der  Fall,  wir  sind  bereit,  in
der  Kommission  die  für  die  einzelnen  Ressorts  und  Jahrgänge  zugrunde
gelegten  Zahlen  beizubringen.  Für  die  Oeffentlichkeit  eignen  sie  sich  nicht,
teils  wegen  ihres  Schätzungscharakters,  teils  weil  sich  Ausgaben  für  Heer
und  Marine  darunter  befinden,  die  uns  nicht  geeignet  erscheinen,  einer
breiteren  Oeffentlichkeit  bekanntgegeben  zu  werden.  Zu  den  Sollbeträgen
auf  Grund  der  bisherigen  Aufgaben  des  Reiches  kommt  nach  dem  Wunsche
der  verbündeten  Regierungen  und  des  Hauses  eine  ganze  Reihe  neuer  hinzu.
Da  ist  zunächst  die  Besoldungsaufbesserung  und  die  Erhöhung  des  Wohnungsgeldzuschusses
  für  die  Beamten,  Offiziere  und  Unteroffiziere  mit  einem
jährlichen  Durchschnitt  von  etwa  90  Millionen;  ferner  hat  der  Reichstag
gewünscht,  daß  auch  die  Löhne  für  die  Mannschaften  erhöht  werden;  das
bedeutet,  wenn  die  Finanzreform  zustande  kommt,  eine  Mehrausgabe  von
20  Millionen.  Der  Reichsinvalidenfonds  ist  spätestens  1912  aufgebraucht,
für  die  letzten  Jahre  dieser  Periode  müssen  20  bis  30  Millionen  für  seine
Zwecke  aus  Reichsmitteln  verwendet  werden;  ferner  die  Erhöhung  der
Schuldentilgung  mit  27,5  Millionen  Mark.  Auf  der  anderen  Seite  sind
einige  Mindereinnahmen  vorgesehen.  Zunächst  bei  der  Zuckersteuer,  die
auf  10  Mark  ermäßigt  werden  soll,  35  Millionen  jährlich.  Wir  schlagen.
Ihnen  vor,  die  Ermäßigung  erst  mit  dem  1.  April  1910  in  Kraft  treten
zu  lassen,  weil  erst  dann  die  nachgesuchten  neuen  Steuern  in  vollem  Maße
wirksam  sein  werden;  wir  schlagen  aber  auch  die  35  Millionen  ohne  Verminderung
  abzusetzen  vor,  denn  auf  eine  Ausgleichung  des  Verlustes  durch
Steigen  des  Konsums  ist  nicht  mit  einiger  Sicherheit  zu  rechnen,  da  die
Frage,  wie  weit  die  Preisermäßigung  auf  die  Zunahme  des  Konsums  wirkt,
zurzeit  noch  ganz  ungeklärt  ist.  Mit  den  weiteren  Vorschlägen  auf  Beseitigung
  der  Fahrkartensteuer  und  Herabsetzung  des  Ortsportos  für  die
Karte  auf  3  Pfennige  glauben  die  verbündeten  Regierungen  Wünschen
weiter  Kreise  der  Bevölkerung  zu  entsprechen  und  tun  es  gern,  wenn  ihnen
Ersatz  gewährt  wird.  Der  Fehlbetrag  berechnet  sich  im  ganzen  für  1909,
bis  1913  auf  282  bis  457  Millionen.  Dazu  tritt  der  Betrag  der  alten
schwebenden  Schuld,  deren  Regelung  die  verbündeten  Regierungen  ebenfalls
  im  Rahmen  der  Finanzreform  vorgenommen  zu  sehen  wünschen.
Dieser  Vorschlag  ist  in  der  Oeffentlichkeit  auf  Widerspruch  gestoßen  und
wird  es  auch  hier.  Es  handelt  sich  zunächst  um  die  Matrikularbeiträge
der  Jahre  1906  bis  1908  mit  1453¾  Millionen.  Dazu  kommen  die  Teuerungszulagen
  mit  23  bis  27  Millionen,  endlich  die  Wirkung  der  Rückbeziehung
  des  Besoldungsgesetzes  auf  den  1.  April  1908  mit  47  Millionen,
im  ganzen  242  Millionen.  Der  Wunsch,  von  diesen  Verpflichtungen  ent-