120 Das deutsche Reich und seine einzelnen Glieder. (Ende Aug. u. Anf. Sept.)
— August. (Deutsches Reich.) In Münster (Westfalen)
findet eine große Handwerkerversammlung statt, welche das von der
ultramontanen Presse verworfene Haider Programm bez. der Handwerkerfrage
(obligatorische Innungen u. dgl.) im Prinzipe annimmt
und der bevorstehenden Generalversammlung deutscher Katholiken
in Düsseldorf nachdrücklich empfiehlt.
— August. (Preußen.) In die Berliner Wahlagitation
für die Neuwahl der Stadtverordnetenversammlung sind nun auch
die Sogialdemokraten eingetreten und zwar für ihre eigenen Tendenzen
gegen die herrschende Fortschriitspartei, aber auch gegen die
konservative „Bürgerpartei" und die „Christlich-Sozialen“ Stöckers.
Im Laufe des Monats haben wieder zahlreiche Versammlungen der
verschiedenen Parteien stattgefunden, in denen es zum Teil sehr
stürmisch zuging.
Anf. September. (Deutsches Reich.) Wie die Garnisonen
an der Ostgrenze des Reichs wird auch die deutsche Flotte in der
Ostsee erheblich verstärkt.
Durch eine Kabinetsordre vom 4. Sept. werden nämlich die beiden
Panzerfregatten „Kaiser“ und „Deutschland“ von der Marine-Station der
Nordsee getrennt und der Marine-Station der Ostsee überwiesen. Durch diese
wichtige Dislozierung hat die deutsche Ostseeflotte in ihrer Aggressivkraft
eine sehr erhebliche Verstärkung erfahren. Bisher befanden
sich in Kiel keine Panzerfregatten, sondern nur die fünf gepanzerten Ausfallkorvetten
„Hansa", „Sachsen“, „Bayern"“, „Württemberg“, „Baden“ (eine
sechste gepanzerte Korvette ist im Bau begriffen). Wenn mit den Korvetten
der Sachsenklasse jetzt die beiden stärksten deutschen Panzerfregatten vereinigt
werden, so ist die deutsche Schlachtflotte der Ostsee, Zunächst wenigstens,
stark genug, den offenen Kampf auf hoher See mit irgend
einer Ostseemacht riskieren und jedenfalls eine Blokade der deutschen
Häfen von russischer Seite verhindern zu können. Es kann keinem Zweifel
unterliegen. daß die forzierten Anstrengungen Rußlands, seine
Seemacht in der Ostsee zu verstärken, die Heranziehung der beiden
deutschen Panzerfregatten von der Nordsee in die Ostsee veranlaßt haben.
Angenblicklich beschäftigt die dentsche Flotte lebhaft die Presse und
die öffentliche Meinung. Eine, Übersicht der Entwicklung derselben
gibt die Münchener, „Allg. Ztg."“, nachdem sie ihre kleinen Anfänge geschildert.
in nachstehender Weise: Die Flotte war 1871 eine „deutsche“ geworden, eine
„kaiserliche" Durch Kabinetsordre vom 30. November 1871 wurde unter
definitiver Trenumg der Marineangelegenheiten vom Ressort des Kriegsministeriums
in der „kaiserlichen Admiralität“ eine Zentralbehörde für die Flotte
gegründet, welche Kommando und Verwaltung in sich vereinigt. Der erste
„Chef der Admiralität“ war General v. Stosch. Gegenwärtig ist es General
v.n Caprivi. Er vereinigt in sich die Funktionen eines Ministers und des
Oberbefehlehabers der Flotte. Im Mai 1872 legte die Reicheregierung dem
Reichstage eine Denkschrift vor, in welcher ausgeführt wurde, daß gur weiteren
Ausführung des Flottenplanes von 1867 noch 26,954,698 Thaler mehr als
die damals bewilligten 37,250,000 Thaler nötig sein würden (die Hafenbefestigung
nicht inbegriffen). Die Ursache hievon lag in der notwendigen