Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

Zusammenkunft  in  Dresden.  395

nach  Austerlitz  und  Friesland,  nach  der  ersten  verlorenen  Schlacht  das
Spiel  verloren  geben  würde.

Das  Volk  dachte  anders.  Während  des  heißen  letzten  Sommers,
der  den  edlen  Elfer  zeitigte,  hatte  ein  prächtiger  Komet  mit  seiner  rothen
Flammenruthe  allnächtlich  den  Himmel  erleuchtet.  Die  Massen  wußten
seitdem,  daß  Großes,  Unerhörtes  bevorstehe.  Als  nun  das  wilde  fremde
Kriegsvolk  aus  allerlei  Landen  durch  die  preußischen  Dörfer  strömte  —
die  kleinen  genügsamen  braunen  Spanier  und  die  Hünengestalten  der
unersättlichen  bairischen  Trinker,  die  langsamen  Holländer  und  die  behenden
  Fanfarons  aus  der  Gascogne  —  da  schien  dem  kleinen  Manne
Alles  wie  ein  wüster  Spuk;  er  meinte,  dies  tolle  Wesen  nehme  ein
schlimmes  Ende,  und  er  bestärkte  sich  in  solchem  Glauben,  wenn  er,
Wuth  im  Herzen,  die  zügellosen  Horden  hausen  sah,  wie  sie  in  rasendem
Uebermuthe  das  frische  Weißbrot  haufenweis  in  den  Koth  traten,  die
vollen  Flaschen  an  der  Wand  zerschmetterten.  Die  Politik  der  ideenlosen
Eroberungslust  entsittlicht  auf  die  Dauer  ihre  eigenen  Heere;  die  alte
Mannszucht  der  napoleonischen  Truppen  war  verschwunden,  ein  frecher,
meisterloser  Landsknechtssinn  nahm  überhand.  Auch  die  alte  fröhliche
Siegeszuversicht  war  dahin.  Der  Soldat  selbst  begann  des  ewigen
Schlachtens  endlich  satt  zu  werden,  er  fürchtete  die  Schneewüsten  des
Ostens;  in  den  italienischen  und  deutschen  Regimentern  zeigte  sich  oft
ein  dumpfer  Groll.  Die  Reiter  klagten:  in  den  früheren  Kriegen  hätten
ihre  Rosse  beim  Ausmarsch  lustig  gewiehert,  heuer  nicht.

Und  seltsam,  der  naive  Volksglaube  urtheilte  diesmal  richtiger  als
die  Berechnung  der  Cabinette.  Die  Staatsmänner  übersahen  in  ihren
schwarzsichtigen  Erwartungen  das  Eine,  worauf  Alles  ankam:  daß  Czar
Alexander  in  diesem  Kriege  ausharren  mußte.  Die  Nachrichten  von  dem
Zuge  der  Heiden  gegen  das  heilige  Moskau  brachten  das  ganze  russische
Volk  in  Aufruhr,  und  wenn  unter  dem  Despotismus  die  sonst  schlummernde
  öffentliche  Meinung  einmal  erwacht,  dann  wirkt  sie  mit  unwiderstehlicher
  Gewalt.  Alexander  durfte  nicht  nachgeben,  bei  Verlust
seines  Thrones.  Er  wußte  es;  in  diesen  Tagen  der  Prüfung  wurde  der
unstete  Knabe  zum  Manne,  soweit  sein  Charakter  männlicher  Tugenden
fähig  war.  Wie  der  Ephen  am  Eichbaum  klammerte  er  sich  fest  an  dem
eisernen  Muthe  des  Freiherrn  vom  Stein.  Der  große  Deutsche  eilte  mit
seinem  getreuen  Arndt  nach  Rußland  und  stand,  eine  Macht  für  sich  selber,
dem  Czaren  zur  Seite,  erfüllte  ihn  mit  einem  Hauche  seiner  eigenen  Leidenschaft.
  Je  näher  die  Gefahr  sich  heranwälzte,  um  so  freudiger  und  zuversichtlicher
  hoben  sich  alle  schneidigen  und  heldenhaften  Kräfte  seiner  Seele:
bis  nach  Kasan,  bis  nach  Sibirien  hinein  wollte  er  den  Kampf  fortführen,
denn  dieser  Krieg  entschied  über  die  Freiheit  der  Welt.

Eine  tiefe  Stille  lagerte  sich  über  Europa,  als  die  letzten  Colonnen
der  großen  Armee  jenseits  der  russischen  Grenze  verschwanden.  In