Full text : Zeitschrift für die gesammte Staatswissenschaft. Neunter Band. Jahrgang 1853. (9)

vor  Aristoteles  und  Platon.  167

auf  die  eigentliche  Verfassungsfrage  von  Aristoteles  erfahren.
Das  allgemeine  Resultat  ist,  wie  es  uns  scheinen  will,  dass
gewiss  einzelne  Politiker  schon  vor  Platon  und  Aristoteles
ganze  und  ziemlich  ausgearbeitete  Systeme  der  Politik  herausgegeben
  hatten,  und  dass  mehr  als  wahrscheinlich  neben  diesen
Arbeiten  eine  Reihe  anderer  Schriften  exislirten,  die  mit  mehr
oder  weniger  Vollständigkeit  dieselben  Fragen,  Begriffe  und  zum
Theil  auch  Systeme  besprachen,  die  den  Werken  des  Aristoteles
und  Platon  zum  Grunde  lagen.  Ehe  wir  nun  aber  daran  die
betreffenden  Bemerkungen  anschliessen,  wollen  wir  eine  Reihe
anderer  Notizen  in  ihr  gehöriges  Licht  setzen,  bei  denen  wir
freilich,  da  :nur  Aristoteles  unsere  Grundlage  bildet,  mehr  auf
das  Interesse  unserer  Leser  als  auf  völlige  Vollständigkeit  rechnen
dürfen.
V.

Der  Begriff  ‘der  Staatswissenschaften,  und  andererseits  die
Thatsache,  dass  die  Alten  und  unter  ihnen  namentlich  auch  Aristoteles
  alle  Fragen  und  Gebiete  derselben  in  der  blossen  Verfassungsfrage
  culminiren  liessen,  macht  es  uns  zur  Aufgabe,
einen  Blick  auf  dasjenige  zu  werfen,  was  in  Beziehung  auf  die
übrigen  Gebiete  der  Staatswissenschaft  der  voraristotelischen
politischen  Literatur  angehört.

Am  nächsten  verwandt  mit  der  Verfassungsfrage  von  allen
folgenden  ist  offenbar  die  Sklavenfrage.

Wir  haben  schon  früher  dargelegt,  wie  die  Sklaverei  namentlich
  seit  dem  Ausbruch  des  peloponnesischen  Krieges  mehr  und  mehr
eine  allgemeine  Bedeutung  für  die  gesellschaftliche  Ordnung  gewann,
und  wie  sich  neben  der  wachsenden  Masse  der  Sklaven  zugleich
die  Furcht  vor  ihnen,  und  zwar  eine  keineswegs  unbegründete
geltend  gemacht  hatte.  Es  ist  nun  nicht  unsere  Absicht,  an
diesem  Orte  von  dem  Wesen.  der  Sklaverei  oder  ihrem  Einfluss
auf  die  griechischen  Sitten  und  socialen  Bewegungen  zu  reden.
Allein  wenn,  wie  dies  oben  gezeigt  ist,  die  philosophischen
Untersuchungen  über  die  Menschenrechte  schon  so  weit  gediehen
waren,  dass  es  eine  Schule  oder  doch  eine  Lehre  gab,  welche
die  volle  Freiheit  nur  in  der  Herrscherlosigkeit  erkannte,  so
konnte  es  nicht  fehlen,  dass  auch  Wesen  und  Recht  der  Sklaverei