Full text : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

Friedrich's  Jugendpläne.  51

die  Mönche  und  Priester  Roms  wieder  ihr  Wesen  treiben.  Aber  auch
als  er  späterhin  dem  Kirchenglauben  sich  entfremdet  und  von  der  Höhe
seiner  selbstgewissen  philosophischen  Aufklärung  herunter  wegwerfend  ab—
urtheilt  über  die  mittelmäßigen  Pfaffennaturen  Luther  und  Calvin,  bleibt
ihm  doch  das  Bewußtsein  lebendig,  daß  sein  Staat  mit  allen  Wurzeln
seines  Wesens  der  protestantischen  Welt  angehört.  Er  weiß,  wie  alle
Helfershelfer  des  römischen  Stuhles  insgeheim  an  der  Vernichtung  der
neuen  protestantischen  Großmacht  arbeiten;  er  weiß,  daß  sein  menschliches
Ideal  der  Glaubensfreiheit,  das  Recht  eines  Jeden  nach  eigener  Facon
selig  zu  werden,  vorderhand  nur  möglich  ist  auf  dem  Boden  des  Protestantismus;
  er  weiß,  daß  er  in  neuen,  weltlichen  Formen  die  Kämpfe
des  sechzehnten  Jahrhunderts  weiterführt,  und  setzt  noch  über  sein  letztes
Werk,  den  Plan  des  deutschen  Fürstenbundes,  die  vielsagende  Ueberschrift
„entworfen  nach  dem  Muster  des  Bundes  von  Schmalkalden.“

Das  früheste  der  uns  erhaltenen  politischen  Schriftstücke  Friedrich's
zeigt  uns  die  Blicke  des  Achtzehnjährigen  schon  jenem  Gebiete  des  Staatslebens
  zugewendet,  auf  dem  er  die  höchsten  und  eigensten  Kräfte  seiner
Begabung  entfalten  sollte:  den  Fragen  der  großen  Politik.  Der  Kronprinz
  betrachtet  die  Weltstellung  seines  Staates,  findet  die  Lage  des  zerstückelten
  Gebietes  schwer  gefährdet  und  entwirft  dann,  noch  halb  scherzend,
im  übermüthigen  Spiele,  verwegene  Anschläge,  wie  die  entlegenen  Provinzen
abzurunden  seien,  damit  sie  sich  nicht  mehr  gar  so  einsam,  ohne  Gesellschaft
  befinden.  Nur  kurze  Zeit,  und  die  unreifen  jugendlichen  Einfälle
kehren  wieder  als  tiefe  und  mächtige  Gedanken;  drei  Jahre  vor  seiner
Thronbesteigung  sieht  er  bereits  ahnungsvoll,  in  wunderbarer  Klarheit,
den  großen  Weg  seines  Lebens  offen  vor  sich  liegen:  „Es  scheint,"  so  schreibt
er,  „der  Himmel  hat  den  König  bestimmt,  alle  Vorbereitungen  zu  treffen,
welche  die  weise  Umsicht  vor  Beginn  eines  Krieges  erheischt.  Wer  weiß,
ob  nicht  die  Vorsehung  mir  vorbehalten  hat,  dereinst  einen  glorreichen  Gebrauch
  zu  machen  von  diesen  Kriegsmitteln  und  sie  zu  verwenden  zur  Verwirklichung
  der  Pläne,  wofür  die  Voraussicht  meines  Vaters  sie  bestimmte!“
Er  bemerkt,  wie  sein  Staat  in  unhaltbarer  Mittelstellung  zwischen  den
Kleinstaaten  und  den  Großmächten  daherschwankt,  und  zeigt  sich  entschlossen
diesem  Zwitterwesen  einen  festen  Charakter  zu  geben  (decider  cet  étre):
die  Vergrößerung  des  Staatsgebietes,  das  corriger  la  figure  de  la  Prusse
ist  zur  Nothwendigkeit  geworden,  wenn  anders  Preußen  auf  eignen  Füßen
stehen,  den  großen  königlichen  Namen  mit  Ehren  führen  will.

Von  Geschlecht  zu  Geschlecht  hatten  seine  Ahnen  dem  Hause  Oesterreich
  treue  Heeresfolge  geleistet,  jederzeit  gewissenhaft  verschmähend  die
Verlegenheit  des  Nachbarn  zum  eignen  Vortheil  auszubeuten;  Undank,
Betrug  und  Verachtung  war  ihr  Lohn  gewesen.  Auch  Friedrich  selber
hatte  „den  Uebermuth,  die  Anmaßung,  den  wegwerfenden  Hochmuth  dieses

hochtrabenden  Wiener  Hofes“  in  den  Schmerzensstunden  seiner  miß-4*