Volltext : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Erster Teil. Bis zum zweiten Pariser Frieden. (24)

Friede  von  Luneville.  173

hatten  die  geistlichen  Gebiete  keinen  Antheil  genommen.  Jetzt  ertrugen
sie  ihr  Schicksal  mit  stummer  Ergebung;  nur  die  niederrheinischen  Provinzen
  Preußens  bekundeten  laut  ihren  Schmerz  über  die  Trennung  von
einem  ehrenwerthen  Staate.  Natürlich  hatte  die  rührige  Propaganda  der
Revolution  während  der  langen  Jahre  der  französischen  Occupation  nicht
ganz  umsonst  gearbeitet:  man  erlebte  da  und  dort  ein  bescheidenes  Nachspiel
  des  Mainzer  Clubistentreibens.  Die  Jugend  berauschte  sich  eine
Zeit  lang  an  der  Hoffnung,  ihre  Heimath  würde  eine  selbständige  Tochterrepublik
  unter  Frankreichs  Schutze  bilden.  In  Coblenz  tanzten  die  Föderirten
  der  cisrheinischen  Republik  um  den  grünweißrothen  Freiheitsbaum.
Der  Kölnische  Brutus  Biergans  bemühte  sich  mit  treuem  Fleiße,  die
wüthenden  Kraftworte  der  Marat  und  Desmoulins  nachzuahmen:  doch
die  Nachbildung  gerieth  kaum  besser  als  die  deutsche  Marseillaise,  das
spießbürgerlich  zahme  Bundeslied  der  rheinischen  Republikaner:  „Auf,  jubelt
ihr  Brüder,  Vernunft  hat  gesiegt.“  Nur  der  junge  Joseph  Görres  verstand
  die  dem  deutschen  Wesen  fremde  Sprache  des  Fanatismus  zu  reden.
Mit  dem  ganzen  Ungestüm  seines  phantastischen  Kopfes  und  mit  der  ganzen
Unreife  jener  Halbbildung,  die  in  den  geistlichen  Schulen  der  Bischofslande
  gedieh,  warf  sich  der  ehrlich  begeisterte  Jüngling  in  den  Strudel  der
revolutionären  Bewegung,  pries  in  Reden  und  Flugschriften  die  Wunder
der  gallischen  Freiheit.  Als  die  Räumung  von  Mainz  über  das  Schicksal
der  Rheinlande  entschieden  hatte,  da  hielt  er  dem  heiligen  Reiche  die
Leichenrede  —  dem  friedfertigen  leidsamen  Kindlein,  das  einst  unter  dem
Zeichen  eines  unglückschwangeren  Perrückenkometen  geboren  wurde,  jetzt
aber  den  General  Bonaparte  zum  Testamentsvollzieher  einsetzt  —  und
rief  drohend:  „Die  Natur  schuf  den  Rhein  zur  Grenze  von  Frankreich;
wehe  dem  ohnmächtigen  Sterblichen,  der  ihre  Grenzsteine  verrücken  und
Koth  und  Steinhaufen  ihren  scharf  gezogenen  Umrissen  vorziehen  will!“
Mit  solchem  Hohne  nahm  der  begabteste  Sohn  des  Rheinlandes  von  seinem
Vaterlande  Abschied;  solche  Empfindungen  hatte  der  Anblick  des  geistlichen
Regiments  in  dem  heißen  Herzen  des  Mannes  hervorgerufen,  der  bald
nachher  der  begeisterte  Apostel  des  Deutschthums  am  Rheine  werden  sollte!

Bei  den  Massen  des  rheinischen  Volks  fand  das  jacobinische  Treiben
keinen  Boden.  Sie  lebten  dahin  seufzend  über  die  hohen  Kriegslasten  und
die  Unsicherheit  der  endlosen  provisorischen  Zustände;  sie  sahen  mit  Unmuth,
  wie  die  fremden  Beamten  das  Land  ausplünderten,  die  Denkmäler
seines  Alterthums  roh  zerstörten,  die  Gebirge  entwaldeten,  die  alten  Säulen
vom  Grabe  Karl's  des  Großen  nach  Paris  entführten.  Erst  nach  der  endgiltig
  vollzogenen  Einverleibung  lernten  sie  auch  die  Wohlthaten  der  neuen
Regierung  schätzen.  Die  französische  Herrschaft  wurde  für  die  geistlichen
Gebiete  des  Rheinlandes,  wie  für  Italien,  die  Bahnbrecherin  des  modernen
Staatslebens;  sie  schenkte  ihnen  die  Anfänge  bürgerlicher  Rechtsgleichheit,
welche  in  Preußen  und  vielen  seiner  weltlichen  Nachbarstaaten  längst