Contents : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Zweiter Band. (2)

Ersatzbataillone  und  in  Kürze  wieder  ln  die  Front  gesteckt,  um  den  Schreckenekrieg
  des  Westens  zu  lernen  und  zu  führen  ...  Daß  aus  diesem  Holze  keine
Sturmsoldaten  mehr  geschnitzt  werden  konnten,  sondern  höchstens  DOeserteure,
Orü#ckeberger  und  Hetzer,  das  mußte  jedem  wilrklichen  Kenner  des  „Mannes
#lm  Graben“"  klar  sein.  Aber  Ludendorff  sah  nur  auf  die  Zahl.  Ihm  war  ein
Soldat  ein  Soldat.

Habel  sprachen  doch  auch  zu  lhm  dle  Zeichen  der  Zeit  lhre  unüberhörbare
Sprache.  Der  Verfall  der  Manneozucht  spielte  in  allen  Berichten  selne  ungern
gesehene  Rolle.  Nicht  nur,  daß  das  Zurückgeben  der  Angriffefreudigkelt  sich  bei
den  Kämpfen  in  der  Lpeniederung  unverkennbar  auegesprochen  hatte  —  die
Klage  riß  nun  nicht  mehr  ab,  daß  dem  Soldaten  das  Suchen  nach  Lebenemitteln
wichtiger  geworden  sel  als  der  Kampf.  ..  Und  seldst  der  Wert  des  Offizierkorps
hatte  offensichtlich  nachgelassen.  Die  Besten  waren  hinweggemäht,  der  Nachwuchs
  ließ  ln  Ausblldung  und  Haltung  zu  wünschen  übrig.  Has  Mark  der  Nation
war  verbraucht.

Gewiß:  das  Heer  in  seiner  Gesamtheit  „war  noch  ln  Zucht  und  Ordnung
und  hatte  doch  den  Feind  geschlagen“.  IZn  krampfbaftem  Optimiemue  boffte
Ludendorff,  „das  Pflichtgefühl  und  der  Sliegeswille  des  Heeres  würden  stark
genug  sein,  die  vielen  ungünstigen  Einflüsse  zu  überwinden".  Diese  Hoffnung
bat  lhn  wahryaftig  nicht  getrogen.  Aber  daß  ein  Heer  mit  also  schwindenden
Kräften  wohl  noch  den  Sleg,  aber  schließlich  nicht  mehr  die  Alederlage  ertragen
würde,  war  llar.  Und  gespenstisch  tauchte  hier  und  dort  in  den  von  Strapazen,
Hunger  und  Enttäuschungen  bin-  und  wldergezerrten  Kämpferscharen  ein  unbelmlicher
  Gast  auf.  Cholera,  Topbus,  Pocken,  einst  die  ständigen  Begleiterinnen
dee  Krleges  —  sie  alle  hatte  die  Kunst  der  modernen  Lagerärzte  dem  Welttriege
ferngehalten.  Nun  tauchte  ein  Feind  auf,  der  ihrer  Schutzmittel  spottete:  die
Erippe.

Und  dabei  kam  es  jetzt  mehr  als  je  darauf  an,  höchste  Leistung  aus  der
Armee  berauszuholen.  In  der  knappen  Frist  elnes  Monate  soliten  die  tlefgreifenden
  Folgen  einer  beispiellosen  Anstrengung  verwunden  und  noch  die  Vorbedingungen
  neuer  Großtaten  geschaffen  werden!  Und  hler  war  Ludendorff
in  selnem  Element.  Selne  dämenische  Schaffenekraft  durchdrang  den  ganzen
Organiemus  des  Westheeres  noch  einmal  mit  mächtigem  Auftrieb.  Die  Erfabrungen
  der  letzten  Kämpfe  wurden  in  Schnellkursen  den  Führern  entwickelt.
Vor  allem  kam  es  darauf  an,  kelnen  Angriff  mehr  über  Gebühr  auszudehnen,
wenn  dle  feindliche  Verteidlgungskraft  zu  erstarken  begann  —  dann  aber  mußte
dem  Ubergang  zur  Verteidigung  durch  schnelles  Einrichten  neuer  Abwehrstellungen
  Festigkelt  verllehen  werden.  An  Auerüstung  und  Auebildung  wurde  in  diesen
vler  sogenannten  Ruhewochen  fieberhaft  gearbeitet.

Man  mag  an  Ludendorffe  Entschlüssen,  wle  an  seiner  ganzen  Perssnlichkelt,
noch  sovlel  Kritik  üben:  man  konn  der  Meinung  sein,  daß  gerade  seine  nervenlose
Stärke,  so  wie  unser  Gesamtschicksal  nun  einmal  gelagert  war,  die  deutsche  Tragödle
  auf  solche  Wahnsinnehöbe  der  Spannung,  in  solche  Abgrundtiefen  des
Sturzes  geschleudert  hat  —  dem  Manne  kann  nur  böszartige  Vorelngenommenbelt
  den  Zoll  der  Bewunderung  versagen.

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