Volltext : Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert. Vierter Teil. Bis zum Tode König Friedrich Wilhelms III. (27)

Die  Österreicher  im  Kirchenstaate.  67

Heer,  trotz  der  Rüstungen  der  jüngsten  Zeit,  noch  immer  in  üblem  Zustande,')
  und  die  Geldmittel  konnten  nur  durch  den  mehr  bereitwilligen  als
wohlfeilen  Beistand  des  getreuen  Hauses  Rothschild  aufgebracht  werden;
doch  zu  einem  Kampfe  gegen  italienische  Freischaren  fühlte  sich  die  alte
Kaisermacht  noch  stark  genug.  Sobald  der  Papst  und  die  vertriebenen
Fürsten  ihren  Hilferuf  nach  Wien  erschallen  ließen,  rückten  die  Osterreicher
ein,  und  ehe  der  März  zu  Ende  ging,  war  das  gesamte  aufständische  Gebiet
wieder  unterworfen.  Franz  von  Modena  verherrlichte  seine  Rückkehr
nach  seiner  Gewohnheit  durch  Hinrichtungen  und  Einkerkerungen;  der
Papst  aber  begrüßte  dankbar  die  auserlesene  Schar  der  Weißröcke,  welche
die  Tempelschänder  aus  dem  Levitengebiete  vertrieben  habe.

Den  Hof  des  Palais  Royal  hielt  Metternich  durch  einen  diplomatischen
  Meisterzug  in  Schach.  Er  sendete  nach  Paris  eine  aus  Wahrheit
  und  Dichtung  kunstvoll  zusammengewobene  Darstellung  von  dem
Wesen  und  Ziele  der  italienischen  Revolution  (15.  Februar).  Danach
sollte  die  Bewegung  allein  von  dem  Pariser  Comité  directeur  ausgehen
und  den  bestimmten  Zweck  verfolgen,  den  Sohn  Napoleons  zum  konstitutionellen
  Könige  von  Italien  zu  erheben.  Einige  Beweisstücke,  welche
die  weitverzweigten  geheimen  Umtriebe  der  Bonapartisten  aufdeckten,
legte  er  bei;  dagegen  verschwieg  er  weislich,  daß  der  herrische  König  von
Rom  keineswegs  gesonnen  war,  den  italienischen  Patrioten  als  Werkzeug
zu  dienen,  sondern  vielmehr  zornglühend  sich  erboten  hatte,  mit  seinem
guten  Degen  seiner  Mutter  Marie  Luise  das  verlorene  Herzogtum  Parma
wieder  zu  erobern.  Zwischen  den  Zeilen  ward  dann  noch  angedeutet,
der  Großvater  Napoleons  II.  könnte  vielleicht  doch  in  die  Lage  kommen,
sich  seines  Enkels  zu  bedienen.  Zum  Schluß  die  unverblümte  Drohung:
„unser  Bekenntnis  muß  von  denen  verstanden  werden,  welche  bei  Strafe
ihrer  eigenen  Vernichtung  die  Freunde  unserer  Sache  sein  müssen;  denn
unsere  Sache  ist  im  Grunde  ihre  eigene.“  Das  Mittel  wirkte.  Die
Orleans  zitterten  vor  dem  Bonapartismus,  der  selbst  in  Ludwig  Philipps
nächster  militärischer  Umgebung  geheime  Anhänger  zählte,  und  der  Gedanke
  der  Einheit  Italiens  war  der  neidischen  Politik  des  Bürgerkönigtums
  ganz  ebenso  unheimlich  wie  dem  Wiener  Hofe.  Frankreich
regte  sich  nicht.  Erst  als  der  Aufstand  gebändigt  war,  erließ  das  Pariser
Kabinett  eine  Verwahrung  gegen  die  Besetzung  des  Kirchenstaates;  von
den  kleinen  Herzogtümern  sprach  man  nicht,  sie  galten  allgemein  als
ein  unantastbares  Familienbesitztum  des  Hauses  Österreich.  Metternich
aber  baute  dem  geschlagenen  Feinde  goldene  Brücken.  Ganz  wie  vor
zehn  Jahren  versicherte  er  feierlich,  Osterreich  sei  nicht  um  seinetwillen,
sondern  um  der  europäischen  Ruhe  willen  eingeschritten.  Darum  widersprach
  er  auch  nicht,  als  auf  Frankreichs  Wunsch  die  Gesandten  der  fünf

 

*)  Maltzahns  Bericht,  9.  Januar  1831.
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