Full text : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Erster Band. (1)

geschwüchtem  Fortgang,  ein  großer  deutscher  Vorstoß  dort  in  Vorbereitung!
Und  im  Sommeabschnitt  mehrten  sich  die  Anzeichen,  daß  in  allernächster  Zeit
eine  feindliche  Offensive  großen  Stils  bevorstebe.

Welche  Anforderungen  diese  Tage  des  Umschwungs  an  die  seelische  und
körperliche  Spannkraft  des  deutschen  Oberfeldherrn  gestellt  baben  —  wer
vermöchte  das  nachzufühlen?  In  solchen  Zeiten  erwies  es  sich,  welchen  Schatz
das  Feldheer,  das  Vaterland  an  seinem  Generalstabe  besaß.  Der  Träger
der  entscheidenden  Entschlüsse  war  von  einer  Schar  von  Mitarbeitern  umgeben,
deren  jeder  das  Feld  seiner  Bearbeitung  bis  ine  kleinste  beherrschte.  In  ihren
Gehirnen  konnte  er  blättern  wie  in  einem  unfehlbar  zuveriässigen  Nachschlagebuch.
  Auf  ihrer  Sachkenntis  ruhten  die  Entscheidungen  wie  auf  Felsgrund.

Ein  Dutzend  Möglichkeiten  wurde  erwogen  und  verworfen.  Bildung  einer
großen  deutschen  Heeresgruppe  zum  strategischen  Gegenstoß?  Aber  woher  die
nehmen?  Rückverlegung  der  gesamten  Ostfront?  Aber  es  fehlte  die  durchgehende
rückwärtige  Stellung;  der  unvermeidliche  Materialverlust  bei  Uberhastetem  Rückzuge
  war  unerträglich.  Abbruch  der  Westoffensive  vor  Verdun  und  Rückverlegung
  des  Schwerpunktes  nach  dem  Osten  —  in  einem  Augenblick,  wo  die
Westmächte  sich  zu  ihrem  Generalvorstoß  anschickten?

Es  blieb  nur  das  „System  der  Aushilfen“  ...  Man  mußte  von  allen
deutschen  Fronten,  auch  vom  Westen  her,  jedes  entbehrliche  Bataillon  an  die
bedrohten  Stellen  werfen,  zunächst  die  beiden  klaffenden  Breschen  zu  stopfen
suchen,  dann  aber  auch  die  einstweilen  noch  standfesten,  aber  schon  brüchigen
Linien  der  Verbündeten  durch  Einschieben  von  „Korsettstangen"  stützen.

Das  wurde  nun  mit  resignierter  und  beherrschter  Tatkraft  ins  Werk  gesetzt.
Von  der  Westfront  wurden  drei  Divisionen  herangebolt  und  mit  zwel  Diolsionen
der  Ostfront  und  „eirugen  besser  erhaltenen  österreichisch-ungarischen  Kräften“
in  der  Gegend  von  Kowel  als  Heeresgruppe  Linsingen  zu  einem  Gegenangriff
auf  die  Russen  angesetzt,  die  inzwischen  den  Stochod  überschritten  hatten  und
noch  zwei  Lagemärsche  weit  vorgekommen  waren.  Hier  trat  ihnen  am  16.  Inni
die  neue  Kampfgruppe  entgegen  und  bannmte  sie  in  die  Schützengräben.

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