Volltext : Der Weltbrand. Deutschlands Tragödie 1914-1918. Erster Band. (1)

Bedenklicher  sah  es  in  Galizien  aus.  Hler  rannten  die  Russen  auf  der  ganzen,
  180  Kilometer  breiten  Strecke  von  der  Bahn  Lemberg-Brody  bie  zu  den
Karpathen  in  unermüdlichem,  menschenverschlingendem  Ansturm  gegen  die
Südarmee  und  die  verstärkte  7.  österrelchische  Armee  an  und  erkämpften  noch
erhebliche  Fortschritte.  Die  Südarmee  mußte  schließlüch  aus  ihrer  bei  Buczacz
weit  vorspringenden  Stellung,  die  sie  so  tapfer  behauptet  hatte,  bie  hinter  die
Zlota  Lipa  und  die  Bystrzoca  zurückgenommen  werden.  Die  Bezirksbauptstadt
  Stanlelau  flel  wleder  an  die  Russen,  das  altehrwürdige  Halicz,  dle  elnstige
Hauptstadt  des  glelchnamlgen  Königrelche,  das  dem  ganzen  Kronlande  seinen
Namen  gegeben  hat,  konnte  gehalten  werden.  Die  Gefahr  des  Russendurchbruchs
nach  Lemberg  war  abgewehrt.

Zur  Zeit  des  Sommesturms  und  der  Verdunschlacht  aber  wüteten  die
Kämpfe  an  den  drei  Hauptangreiffestellen  der  Ostfront  in  unverminderter
Heftigkelt  fort.  Unmöglich,  auch  nur  einen  Manm  für  die  hart  ringende  Westfront
  abzugeben

Als  am  26.  Juli  im  Großen  Hauptquartler  in  Pleß  die  Nachricht  eintraf,
daß  am  Tage  vorher  Brody,  die  90  Kllometer  östlich  Lemberg  gelegene  wichtigste
Handelestadt  Gallziene,  von  den  Russen  genommen  sei,  ließ  das  K.  u.  K.  Oberkommando
  sein  Wlderstreben  gegen  eine  Unterstellung  österreichischer  Frontabschnitte
  unter  deutsche  Führung  wenigstens  teilweise  fallen.  Hindenburg
übernahm  den  Oberbefehl  an  der  ganzen  Ostfront  von  der  Ostsee  bie  südlich
Brody.  Der  Südabschnitt  als  Heeresgruppe  des  Erzherzog-Thronfolgers  mit
dem  deutschen  General  v.  Seeckt  als  Generalstabschef  blieb  dem  K.  u.  K.
Oberkommando  unterstellt.  „Zu  einem  ganzen  Entschluß“,  sagt  Ludendorff,
batte  man  sich  also  noch  nicht  durchringen  können.  Immerhin  bot  die  jetzige
Eliederung  so  wesentliche  Vorteile,  daß  ich  sie  ale  elne  große  Berbessecung
ansap.“

Schon  einen  Monat  später  sollten  sich  Hindenburg  und  Ludendorff  vor  eine
ganz  große  —  vor  ihre  eigentliche  Aufgabe  gestellt  seben.

Inzwischen  hatte  sich  der  Generalansturm  der  Entente  auch  noch  auf  die
Ssonzofront  ausgedehnt.  Der  Ausbruch  der  Brussilow-Offensive  hatte  der
Tiroler  „Extratour“  Conrads  den  letzten  Kräfterückhalt  entzogen.  Die  Stallener
legten  keinen  Wert  darauf,  den  Osterreichern  den  schwachen,  ihnen  nach  der
Räumung  von  Asiago  und  Arsiero  noch  verbllebenen  Gewinn  ihrer  Offensioe
im  kräfteverzehrenden  Gebirgekampfe  wieder  zu  entreißen.  Sie  warfen  ihre  freiwerdenden
  Verstärkungen  schleunigst  wider  die  Isonzofront,  die  sle  geschwächt
wußten.  Die  sechste  Zsonzoschlacht  entbrannte  und  brachte  den  Angreifern  am
8.  August  den  heißersehnten  Besitz  der  Trümmerstätte,  die  einmal  Göcz  gebeißen
  hatte.

Dieser  taktisch  bedeutungelose  Gewinn  entfesselte  in  Itallen  stürmischen
Jubel.  Nun  würde  der  Lohn  für  unerhörte  Opfer  kommen  ...  Mit  einem
Schlage  war  die  beginnende  Kriegemüdlgkeit  dee  italienischen  Volkes  verschwunden.
  Italien  erklärte  am  27.  August  auch  an  Deutschland  formell  den  Krieg.

Dae  war  allerdinge  auch  der  einzige  Erfolg.  Auch  die  neunte  bie  elfte
Ssonzoschlacht  haben  dem  Angrelfer  keine  weiteren  Fortschritte  gebracht,  sondern
nur  neue  entsetzliche  Verluste  gefordert.

In-  775