Full text : Kaiser Wilhelm II. Aus meinem Leben 1859-1888.

Um  mich  über  diese  Stoffgebiete  hinaus  politisch  für  mein  hohes
Amt  vorzubilden,  dessen  Antritt  1887  bereits  verhältnismäßig  nahe
zu  stehen  schien,  wollte  mir  Fürst  Bismarck  in  der  Art  eines  Adjutanten
  einen  wissenschaftlich  und  praktisch  entsprechend  vorgebildeten
Beamten  als  ständigen  Begleiter  geben.  Zunächst  scheiterte  der  Plan
an  dem  Widerstande  meines  Großvaters,  der  bei  meinem  todkranken
Vater  nicht  den  Anschein  erwecken  wollte,  als  rechne  man  mit  ihm
nicht  mehr.  Im  Januar  1888  nahm  Bismarck  aber  seinen  Plan
wieder  auf  und  schlug  den  Unterstaatssekretär  Herrfurth  im  Innenministerium,
  einen  außergewöhnlich  tüchtigen  und  in  allen  staatswissenschaftlichen
  Fragen  überaus  gut  bewanderten  Fachmann  für  die
gedachte  Stellung  vor.  Um  ihn  aber,  wie  das  beabsichtigt  war,
dauernd  um  mich  zu  haben,  war  er  doch  zu  alt,  die  für  engeres
Zusammensein  nötige  gegenseitige  Sompathie  hätte  sich  kaum  eingestellt.
  Fürst  Bismarck  konnte  nicht  umhin,  meine  Bedenken
gelten  zu  lassen  und  kam  nun  auf  die  Idee,  die  geplante  Stellung
in  zwei  Teile  zu  zerlegen.  Eine  Persönlichkeit  sollte,  wie  er  mir
erklärte,  mir  über  staatswissenschaftliche  Fragen  gewissermaßen
Kolleg  lesen,  die  andere,  notwendig  füngere  Persönlichkeit  sollte
als  Ziviladfukant  in  meiner  Umgebung  und  zu  meiner  ständigen
Verfügung  sein  als,  wie  der  Fürst  sich  ausdrückte,  „lebendes
Lexikon"  7).

In  dieser  Form  wurde  der  Plan  auch  verwirklicht  und  mit  dem
ersten  Bosten  Geheimrat  PBrofessor  Gneist,  mit  dem  zweiten  der  Regierungsrat
  v.  Brandenstein  aus  Magdeburg  betraut.  Die  schicksalsvolle
  Wendung  des  nächsten  Monats  sowie  meine  eigene  fast  völlige
Inanspruchnahme  durch  den  militärischen  Dienst  haben  aber  diese  Einrichtung
  nicht  mehr  so  fruchtbar  werden  lassen,  wie  man  es  für  normale
  Zeiten  hätte  erwarten  können.

*)  Bgl.  Anhang  Nr.  J.

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