Full text : Kaiser Wilhelm II. Aus meinem Leben 1859-1888.

Kehlkopfkrankheiten  fördere,  während  die  deutschen  Arzte  dem  entgegenhielten,
  daß  das  Klima  auf  Kehlkopfgeschwülste,  ganz  gleich  ob
gut=  oder  bösartig,  keinen  Einfluß  ausübe.  So  ging  mein  armer
Vater  auf  die  langen  Reisen,  von  denen  er  erst  als  kodwunder  Kaiser
zurückkehren  sollte,  und  die  Krankheit  konnte  ungestört  ihren  verhängnisvollen
  Verlauf  nehmen.  Die  ärztliche  Behandlung  durch  Mackenzie
und  seinen  Vertreter  während  dieser  Zeit  änderte  daran  nichts.  Wie
ich  bereits  erwähnte,  nahm  mein  Bater  im  Zuni  1887  an  den  Zubiläumsfeierlichkeiten
  in  London  teil  und  erregte  dort  die  stürmische
Begeisterung  des  Bublikums,  es  ahnte  nicht,  daß  er  nur  noch  im
Glüstertone,  kaum  vernehmlich,  zu  sprechen  vermochte.

Selbstverständlich  konnte  weder  die  „Kur“  auf  der  Insel  Wight
noch  im  schottischen  Gebirge,  das  mein  Bater  Anfang  August  aufsuchte,
  der  Krankheit  Einhalt  tun.  Als  der  Erfolg  ausblieb,  die
Wucherungen  zunahmen  und  das  Befinden  sich  verschlechterte,  wußte
Mackenzie  nichts  anderes,  als  seinen  Batienten  von  Land  zu  Land,
von  Ort  zu  Ort  zu  jagen.  In  den  Hochlanden  war  die  Herbstluft
zu  kalt  —  so  mußte  mein  Vater  Anfang  September  nach  Toblach
ins  PBustertal.  Dieser  Ort  erwies  sich  infolge  seiner  hohen  Lage
nicht  als  geeignet,  daher  Ende  September  Aufbruch  nach  Benedig.
Als  auch  die  Lagunenstadt  beine  Besserung  brachte,  ging  es  Anfang
Oktober  nach  Baveno  am  Lago  Maggtore,  bis  schließlich  Anfang
November  mit  San  Remo  die  letzte  Station  erreicht  war.  Von  da
ab  versagte  die  Stimme  völlig.  Währenddessen  aber  verstand  es
Mackenzie,  in  der  ganzen  Zeit  von  seinem  Erscheinen  in  Berlin  ab,
die  Bresse,  nicht  nur  die  englische,  sondern  auch  gewisse  Teile  der
Berliner  Presse,  für  sich  einzufangen.  Ständig  wurde  in  die  Welt
posaunk,  daß  er  des  Kronprinzen  Lebensretter  sei,  indem  er  ihn  vor
der  „lebensgefährlichen“  Operation  bewahrt  habe,  die  deutschen  Trzte
dagegen  verstünden  nichts.  Angeblich  war  mit  seiner  Hilfe  der  Kronprinz
  auf  dem  Wege  völliger  Heilung.

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